Dies ist ein Text zu den abc.etüden von Christiane. Ziel ist es 3 Worte in 300 Zeichen unterzubringen. Die Schreibeinladung – Extraetüden beinhaltet die Worte „Hoffnungsschimmer, unverzeihlich, nähen,
Wackelpudding, unverdrossen, knistern.“
Gespräche mit Rüdiger – Vom Leben und Sterben
„Mein Beileid,“ sage ich, als Rüdiger hereinschlendert, doch der kleine Kater wirkt so gar nicht bedrückt.
„Der Napf ist voll. Wieso?“, fragt er und macht sich über das Premiumfutter her, das ich gekauft habe, um ihn aufzumuntern.
„Wegen Pixie, deiner kleinen Freundin. Oder wusstest du nicht, dass sie überfahren wurde?“
„Doch“, nuschelt Rüdiger mit voller Schnauze. „Geschttern. Sah wie roter Wackelpudding mit Stückchen ausch.“
Ich schaue Rüdiger angeekelt an. „Rührt dich das so gar nicht?“
„Nö.“ sagt er und schluckt unverdrossen den letzten Happen Katzenfutter runter. „Ich bin ja kein Mensch.“
„Was soll das heißen?“
„Ihr seid die einzige Gattung, der bewusst ist, dass sie sterben wird.“
„Ist das wieder so ein Philosophen-Dingen?“, frage ich genervt.
„Joa, da gäbe es mehrere, die sich damit beschäftigt haben. Karl Jaspers hat zum Beispiel gesagt, dass Sterben eine Grenzsituation ist und der Grund, warum ihr euch überhaupt die Frage nach eurer Identität stellt.“
Ich habe einen Hoffnungsschimmer. Diese Diskussion könnte ich gewinnen. „Du hast ja wohl auch eine Identität.“
„Weil du es nur zuschreibst. Tieren geht es um die eigene Gattung und nicht um das Individuum. Nur die Menschen sind so albern und wollen unsterblich sein.“
„Ich glaube nicht, dass ich unsterblich sein will.“
„Sicher? Du findest es ok, dass sich nach deinem Tod niemand an dich erinnert?“
„Zumindest nicht negativ. Wäre nett, wenn die nächste Generation weiß, dass ich mich bemüht habe, den Planeten zu erhalten“, sage ich und knistere genervt mit der leeren Katzenfutterpackung. Statt endlich die Knöpfe an meiner Jacke anzunähen, werde ich mir wohl wieder den Rest des Tages über das Gespräch mit Rüdiger den Kopf zerbrechen.
„Da sind wir fast schon bei Hannah Arendt, die als zweite Grenzsituation die Natalität stellt, also, dass ihr Menschen eben auch an die nächste Generation denkt. Für euch beginnt mit jedem Kind eine neue Zukunft. Bei uns Tieren ist das einfach nur ein Weiterführen des Kreislaufes. Gehört halt dazu. Wir pflanzen uns nicht zur Selbstverwirklichung fort oder weil wir unsterblich sein wollen.“
„Also haben wir auch Kinder, weil wir unsterblich sein wollen?“ frage ich. „Aber das hält ja nicht lange. An meine Uroma erinnere ich mich zum Beispiel nicht.“
„Deswegen baut ihr ja auch Pyramiden, schreibt Bücher, macht Selfies oder prahlt damit rum Massenmörder zu sein.“
Ich lache auf. „Himmel, das war aber ein Sprung.“
„Nicht jeder Mensch ist Künstler und es ist viel einfacher mit etwas Negativem unsterblich zu werden, als mit was Positiven.“
„Und welcher Philosoph sagt das?“ frage ich augenrollend. „Moment, wir schweifen ab. Also ist es dir egal, dass Pixie tot ist.“
„Nicht ganz. Jetzt holen sich deine Nachbarn sicher eine neue Katze und der muss ich dann wieder beibringen, wer Chef ist. Das ist anstrengend.“
„Das ist echt kaltherzig.“
„Immerhin gibt es in meiner Gattung keine Massenmörder,“ erwidert Rüdiger, macht er einen Satz auf den Balkon und trottet davon.
Wie immer fällt mir erst viel zu spät ein Konter ein. Trotzdem rufe ich hinterher: „Sag das den Mäusen und Vögeln.“
Buchtipps:
Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben
Karl Jaspers: Psychologie der Weltanschauung.