Die Erwachten II | Writing Friday

writing-friday-2020

Dies ist ein Text zu der Aktion „Writing Friday“ von Elizzy. Jeden Freitag wird zu einem der vorgegebenen Themen veröffentlicht. Die aktuellen Themen und eine Liste aller Teilnehmer findet ihr auf Elizzy’s Seite.

Wie der Titel vermuten lässt, ist dies eine Fortsetzung: Hier ist der Teil 1: Klick

Was bisher geschah: Jasmin macht die Pandemie Angst. Auch wenn sie generell Verschwörungstheorien ablehnt, fühlt sie sich von dem Gedanken angezogen, dass der ganze Virus nur erfunden war.

Die Erwachten II

Jasmin war in ihrem Leben nie besonders mutig gewesen. Ihre Eltern hatten damals beschlossen, dass es sicher war Wirtschaft zu studieren, also hatte sie sich in dem Fach eingeschrieben. Nach dem Studium begann sie in der Firma zu arbeiten, in der auch ihr Vater arbeitete. Als die Firma schließlich von einem amerikanischen Unternehmen übernommen wurde, wurde ihr ihr heutiger Posten angeboten. Sie bekam etwas weniger Gehalt und die Arbeit war nicht spannend, aber der Job war sicher.

Auch sonst war alles in ihrem Leben sicher. Ihre Wohnung lag in einer sicheren Gegend, weil sie Angst vor Einbrüchen hatte. Sie machte alle Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt und ging zweimal im Jahr zum Zahnarzt, um auf Nummer sicher zu gehen. Sie ging selten auf Partys und nie in Diskotheken. Restaurant besuchte sie nur, wenn sie sich sicher sein konnte, dass ihr das Essen dort schmeckte und sie es vertrug. Auf Dates hatte sie sich selten getraut zu gehen. Die zwei Beziehungen, die sie geführt hatte, waren leidenschaftslos zu Ende gegangen. Ihr fiel es schwer sich zu öffnen, aus Angst verletzt zu werden. Jasmin hatte oft Angst, das merkte vor allem ihr Magen. Nun war Jasmin bereits 43 Jahre, ledig und kinderlos.

Daher war es uncharakteristisch, dass Jasmin beschloss zu einem Vortrag zu gehen, den jemand über Facebook geplant hatte. Die Gruppe nannte sich „Die Erwachten“. Den Namen fand Jasmin albern, aber der Inhalt des Vortrags reizte sie: Es ging um den Virus und dass er vom Staat erfunden worden war, um die Wirtschaft zurückzusetzen. Jasmin haderte mehrere Tage mit sich. Immer wieder bekam sie Angst und ihre Magenschmerzen wollten selbst nachts nicht abebben. Am Tag des Vortrags beschloss Jasmin schließlich hinzugehen. Sie nahm sich einen weiten Pullover mit, Einmalhandschuhe und eine medizinische Maske. Mehr als eine Stunde würde sie nicht bei dem Vortrag bleiben. Wenn es den Virus doch gab, wollte sie ihn sich auf keinen Fall einfangen.

Nervös stieg sie in ihr Auto und noch nervöser stieg sie vor dem Gebäude, in dem der Vortrag stattfinden sollte, aus. Es war das Haus einer Gemeinde im Nachbarort. Sie war hier schon viele Male vorbeigefahren. Die Sonne schien und ließ die Ziegel des Gemeindehauses fast orange erstrahlen. Die erblühten Bäume und der gute gepflegte Vorplatz beruhigte Jasmin etwas. Sie hoffte, dass nicht allzu viele Menschen zu dem Vortrag kamen.

Vorsichtig betrat sie das Gebäude und folgte den Zetteln, die zu dem Vortrag führten. Die Tür stand offen und Jasmin sah in den Raum hinein. Dort saßen etwa fünfzehn Menschen, in weitem Abstand voneinander. Es waren noch zehn Minuten bis zum Vortrag. Wenn noch fünf Leute mehr kamen, würde sie gehen.

Es kamen nur noch zwei. Jasmin zögerte trotzdem.

„Kommen Sie doch bitte hinein. Wir beißen nicht. Versprochen.“

Ein charismatischer Mann mittleren Alters stand in der Tür. Er hatte graue Strähnen in den Haaren, trug eine rahmenlose Brille und ein kariertes Hemd. Er lächelte.

„Ich…“

„Sie können auch in der Tür bleiben. Ich bringe Ihnen gerne einen Stuhl.“

„Nein, nicht nötig“, murmelte Jasmin und betrat den Raum. Sie setzte sich an den Rand.

Der Mann schritt an ihr vorbei. „Das freut mich. Willkommen bei den Erwachten. Der Name ist etwas albern, aber das passiert, wenn man Namen demokratisch auswählt.“ Er lachte, dann trat er zu einem kleinen Rednerpult.

„Willkommen, bei einem neuen Vortrag der Reihe ‚Das erfundene Virus‘. Da wir ein paar neue Gesichter in der Runde habe rekapituliere ich die ersten Vorträge und gehe dann über zu den neusten Erkenntnissen.“ Er lachte. „Und natürlich für die, die mich noch nicht kennen: Ich heiße Markus.“

Jasmin war gefesselt von Markus und seinen Worten. Alles was er sagte, machte auf eine eigenartige Weise Sinn. Eine Stunde verging und Jasmin war erstaunt, wie ruhig sie blieb. Sie aß nach dem Vortrag sogar einen Keks und trank einen Kaffee.

„Und? Halten sie uns jetzt für absolute Spinner?“ Markus stand plötzlich neben ihr. „Mein vollständiger Name ist Markus Zimmerer. Der Name ist Programm. Ich bin Zimmermann und – man sagt es mir nach – Verschwörungstheoretiker. Ich mag den Begriff ‚Fragensteller‘ aber lieber. Ich hinterfrage alles, was nicht Niet und Nagelfest ist, einfach weil ich glaube, dass das unsere Aufgabe als Bürger und gute Menschen ist. Wer nicht fragt, folgt nur.“ Er lachte. „Herrjemine. Ich bin noch im Vortragsmodus. Darf ich Sie nach Ihrem Namen fragen, junge Dame.“

Jasmin kicherte leise. Ihr nervöser Magen gluckerte zufrieden.

 

4 Kommentare zu „Die Erwachten II | Writing Friday

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