Die Windmühle II | Writing Friday

writing-friday-2020

Dies ist ein Text zu der Aktion „Writing Friday“ von Elizzy. Jeden Freitag wird zu einem der vorgegebenen Themen veröffentlicht. Die aktuellen Themen und eine Liste aller Teilnehmer findet ihr auf Elizzy’s Seite.

Dies wird ein Dreiteiler. Den ersten Teil findet ihr hier: *Klick*

Was bisher geschah: Marcel ist in Holland mit seinen Eltern und furchtbar gelangweilt. Er kickt seinen Schuh ausversehen in die Nähe einer Mühle. Als er ihn holen will, reißt ihn diese mit sich. Statt im Kreis nimmt ihn das Mühlblatt immer höher mit, bis es sich plötzlich dreht und Marcel fällt…

Thema: Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Er war sich seiner Sache so sicher, dass er…” beginnt.

Die Windmühle II

Er war sich seiner Sache so sicher, dass er zu Gott sprach und sich entschuldigen wollte. Er kam jedoch nur bis zu „Lieber Gott, ich…“ dann landete er unsanft auf dem Boden. Vorsichtig öffnete er die Augen. Statt dem Feld und der Windmühle sah er Ebenen und Berge aus Wolken. War er im Himmel? Das mit dem Sterben war schneller und schmerzloser gegangen, als gedacht. Vielleicht war er vor Angst gestorben.

Marcel stand auf und drehte sich um. Dann versuchte er ein paar Schritte zu gehen und trat mit dem Zeh vor etwas Hartes. „Autsch.“ Was war das? Marcel schob die Wolken beiseite und sah, dass sich darunter der Stein, an dem er sich gestoßen hatte, und Gras befand. Das grünste Gras, was er je gesehen hatte.

„Warum hast du nur einen Schuh an?“

Marcel erschrak sich, als eine Mädchenstimme neben ihm erklang.

„Entschuldige.“ Ein Mädchen mit blonden lockigen Haaren stand vor ihm und sah ihn besorgt an. Sie trug ein weißes Shirt mit brauner Hose und hellbraune weite Stiefel. „Alles ok?“

Marcel nickt. Erst jetzt erinnerte er sich an den Schuh. Er hatte ihn wohl fallen lassen, als ihn das Blatt der Windmühle davongerissen hatte. Wenn er tot war, musste er dann die Ewigkeit mit einem Schuh verbringen?

„Sag mal, bin ich im Himmel?“

„Im Himmel?“

Das Mädchen legte den Kopf schief. „Hast du zu viel von dem Mehlbel eingeatmet?“

„Was ist denn Mehlbel?“

Das Mädchen sah ihn irritiert an. Sie bückte sich und wedelte die Wolkenmasse auseinander. Dann zeigte sie ihre Hand, die mit einer hellen Schicht bedeckt war.

„Wenn man zu viel davon einatmet, macht es einen schwindelig und wenn man nicht aufpasst, kann man sogar ersticken. Das Mehl setzt sich nämlich in der Lunge fest.“

„Mehl? Ich dachte das wären Wolken.“ Marcel sah nach oben. Er sah einen lila strahlenden Himmel mit kleinen Schäfchenwolken. „Wo bin ich denn?“

„Du bist nicht von hier?“

Marcel schüttelte den Kopf. Es ging ihm auf die Nerven, dass das Mädchen keine seiner Fragen beantwortete. „Ich habe mich nach meinem Schuh gebückt und dann hat mich dieses Mühlblatt erwischt und hierher gebracht.“

„Wow, du bist von draußen? Wahnsinn.“ Das Mädchen machte große Augen. „Ich bin Rosine.“ Sie sah ihn von oben bis unten an. „Ich habe noch nie einen von draußen gesehen. Es war lange Zeit keiner mehr bei uns. Die Menschen sind so vorsichtig geworden. Los komm mit.“

Rosine nahm seine Hand und zog ihn hinter sich her. Marcel verstand kein Wort.

Sie liefen an großen Wolkenbergen vorbei, bis sie schließlich einige Holzhäuser sahen mit Dächern aus Stroh. Die Wände waren verziert und erinnerten Marcel an das Ostergebäck seiner Großmutter. Rosine schwieg auf dem Weg, konnte es aber nicht lassen, ihn immer wieder neugierig anzusehen.

Sie betraten eine der Hütten, die kaum größer aussah als ihre Ferienwohnung. Marcel war erstaunt, als er feststellte, dass die Hütte von Innen viel größer war. Hier passten bestimmt hundert Leute rein.

„Älteste? Das ist … ich habe nie nach deinem Namen gefragt, ohje.“

„Marcel.“

„Freut mich Marcel.“ Eine ältere Frau trat hinter einer Reihe Schränke hervor. Sie lächelte freundlich und Marcel fand sie gleich sympathisch. Sie erinnerte ihn an seine Großmutter. „Du kommst von der Außenwelt, wie ich sehe. Ich bin die Älteste hier, man nennt mich Oma Kuchen.“

Marcel war verwirrt. „Wieso Außenwelt? Wo bin ich denn hier?“

„Du bist im Inneren der Mühle. Hier backen wir Brot aus den Träumen der Menschen.“

„Warum?“

„Weil die Mühle sonst aus allen Nähten platzen würde. Und wir brauchen Nahrung. In der Mühle wachsen keine Pflanzen und Leben keine Tiere. Es gibt nur uns und die Träume. Selbst dieses Haus ist gebacken worden. Vor hunderten von Jahren. Der Träumer war ein großer Erfinder, deswegen ist das Haus von Innen so viel größer als von außen.“

Neugierig trat Marcel auf eine der Wände zu. Nun erkannte er auch, dass die Wände aus sehr dunklem Brot bestanden. „Das ist doch verrückt. Ich habe mir sicher den Kopf angestoßen.“

„Vielleicht.“ Oma Kuchen lächelte verschmitzt. „Aber jetzt bist du hier. Lass dir doch von Rosine die Gegend ein wenig zeigen. Spätestens in einigen Stunden müssen wir dich wieder nach Hause senden. Die Luft ist sehr mehlhaltig und das vertragen Menschen aus der Außenwelt nicht so gut. Also haltet euch aus den Mehlbel fern, ja?“

Rosine nickte. „Ja, machen wir.“ Dann wandte sie sich zu Marcel. „Komm mit.“

Marcel war verwirrt. Rosine ging nach draußen und zog ihn einfach mit sich. Sie liefen durch den Ort und trafen allerhand Menschen, die ähnlich wie Rosine aussahen. Sie hatten die eigenartigsten Namen, von Schokostreusel über Sauerteig bis Hefeklops. Letzterer machte seinem Namen alle Ehre.

Dann liefen sie auf der anderen Seite des kleinen Dorfes hinaus. Hier waren die Mehlbelberge noch höher. An einigen Stellen ragten Dächer heraus.

„Da wohnen auch Menschen drinnen? Kann man dort hinein gehen, wenn man die Luft anhält.“

Rosine sah ihn ernst an. „Da gehen wir besser nicht rein. Da leben die Anderen.“

„Die Anderen?“

„Ja, wir machen aus den Träumen der Menschen Brot. Aber hier kommen nicht nur Träume an, sondern auch Albträume. Diese verarbeiten die Anderen und ernähren sich davon. Sie leben in dem Mehlbel, weil sie das Licht hier draußen nicht mehr ertragen. Ihr Inneres ist dunkel und chaotisch, wie das Brot, das sie backen.“

9 Kommentare zu „Die Windmühle II | Writing Friday

  1. Liebe Katha,
    ah, was für eine süße Idee, im wahrsten Sinne des Wortes! Ich dachte auch erst, du entführst Marcel in den Himmel… Ich bin schon sehr gespannt, wie es weitergeht und sehne mich innerlich nach einem Einblick in die Welt „der Anderen“. 😉

    Liebe Grüße
    Alina

    Gefällt 1 Person

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