Pablo | abc.etüden 04+05

2020_0405_2_300

Dies ist ein Text zu den abc.etüden von Christiane. Ziel ist es 3 Worte in 300 Zeichen unterzubringen. Die Schreibeinladung für die Wochen 04+05 beinhaltet die Worte „Papiertiger“, „belanglos“ und „plätschern“, gesponsert von OnlyBatsCanHang.

Meine erste Etüde in 2020.

Pablo

Auf einer Brücke sitzt ein Straßenkünstler namens Pablo. Er ist mittelgroß, mittelalt. Jeans und Shirt, braune Haare. Vor ihm stehen ein kleiner Hocker und ein Schild. ‚Ich male dich, wie du wirklich bist.‘

„Wieviel nehmen Sie denn?“

„So viel, wie du mir geben magst.“

Marina setzt sich auf den kleinen Hocker. Pablo fährt mit seinen Augen über ihre Nase, Ohren, ihren Mund. Sie fühlt sich unwohl. Das war eine spontane Eingebung, doch wer ließ sich heutzutage noch von einem Straßenkünstler malen?

Der Fluss plätschert unter ihr, während eine Heerschar Menschen hinter ihr entlanghastet. Feierabend. Niemand beachtet sie. Nur seine volle Aufmerksamkeit hat sie und braucht sie gerade mehr als alles andere. Ihr Leben wirkt belanglos. Tagein tagaus sitzt sie vor einem Schreibtisch und schreibt Listen. Sie ist nur ein unwichtiger Papiertiger, ein Stapelschubser, eine Tippse. Nach der Arbeit macht sie den Haushalt und das Abendbrot. Ihr Freund ist gestresst. Er sagt, er liebt sie, aber sie glaubt ihm nicht mehr.

Es knistert. Pablo reicht ihr das Bild. Die junge Frau die Marina ansieht, hat tiefe Augenringe, die sie eigentlich mit Makeup verschwinden lässt. Ihre Mundwinkel sind nach unten verzogen, obwohl sie seit zehn Minuten ununterbrochen lächelt. Sie sieht traurig aus, alleine.

„So sehe ich nicht aus.“

Pablo zeigt auf sein Schild. Verärgert nimmt Marina einen Zehner aus ihrem Portemonnaie und gibt ihn Pablo. Er dankt. Sie knickt das Bild und stiefelt davon. Am Ende der Brücke ist ein Papierkorb. Sie bleibt davor stehen, betrachtet das Bild. Dann nimmt sie das Telefon und schreibt eine SMS. Im Anschluss verfasst sie eine E-Mail. Anstatt nach rechts zu gehen, geht sie nach links. Das Bild in ihrer Hand lächelt.

Auf der Brücke steht ein Straßenkünstler namens Pablo und beobachtet die Menschen. Bald setzt sich der nächste Kunde.

20 Kommentare zu „Pablo | abc.etüden 04+05

  1. Wenn man seine eigene Stimme über einen Recorder hört und bei manchen Fotos reibt man sich die Augen und fragt: DAS bin ich? Oftmals löst das dann ein Umdenken aus: leiser zu reden oder doch endlich mal ein paar Kilo abzunehmen oder zuzunehmen.
    Auch Spiegel sind solche Zauberheiler, wenn man genau hinschaut. Freunde trauen sich oft nicht.

    Du hast das Thema wieder mal in einen ganz anderen Blickwinkel gestellt!

    Gefällt 3 Personen

  2. Wenn es doch immer nur so leicht wäre! Schwupps ist die Wahrheit erkannt, schwupps ist was geändert, schwupps ist alles gut.
    Andererseits liebe ich magische Geschichten. Sehr sogar.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🐱🍷👍

    Gefällt 1 Person

  3. Ohwei – ich glaube ich hätte Angst, was Pablo bei mir sieht. Etwas, das man tief verborgen trägt.
    Aber wenn es dann den Erfolg hat, etwas zu ändern…

    Sehr gute nachdenkliche Geschichte.

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