Die Maske | Writing Friday

writing-friday-2020

Dies ist ein Text zu der Aktion „Writing Friday“ von Elizzy. Jeden Freitag wird zu einem der vorgegebenen Themen veröffentlicht. Die aktuellen Themen und eine Liste aller Teilnehmer findet ihr auf Elizzy’s Seite.

Ich wollte nachdem ich einen sehr guten Artikel gelesen habe, eigentlich eine Momentaufnahme aus einem Altersheim schreiben und die Arbeitsverhältnisse von Pflegern kritisieren…und dann ist da irgendwie was ganz anderes draus geworden.

Thema: Schreibe eine Geschichte und flechte folgende Worte ein: Maske, Habseligkeiten, müde, absichtlich, Widerling

Luisa gähnte herzhaft. Sie fühlte sich vollkommen ausgelaugt, als hätte ihr jemand ihre gesamte Lebensenergie gestohlen. Heute war ein Feiertag und die warfen immer alles durcheinander, denn an Feiertagen erinnerten sich die Leute, dass sie Eltern oder Großeltern hatten, die alleine in einem Heim saßen. Es war schön für die alten Menschen, wenn sie Besuch kamen, aber für die Pfleger war der plötzliche Andrang purer Stress. Vor allem dann, wenn die Besucher absichtlich Regeln brachen. Ein besonders unangenehmer Mann hatte sie heute sogar angeschrien, als sie ihn auf die Regeln hingewiesen hatte. Er hatte sich geweigert eine Maske aufzuziehen. Er meinte, dass es sei Unsinn, denn den Virus gäbe es nicht. Am liebsten hätte sie ihn beschimpft, einen Idioten genannt, aber sie war ruhig geblieben und hatte ihn gebeten, sich zu fügen oder zu gehen. Er war gegangen, aber nicht ohne mit Konsequenzen zu drohen. Ihr Chef war wenig begeistern von dem Vorfall, da der Herr wohl ein hohes Tier war. Luisa hatte auch in diesem Gespräch ihre Wut hinuntergeschluckt und versprochen sich das nächste Mal noch diplomatischer zu verhalten. Auch die anzüglichen Bemerkungen ihres Chefs hatte sie übergegangen und sich nur „Widerling“ gedacht, statt es auszusprechen.

Nun war Feierabend und Luisa konnte durchatmen.  Müde schritt sie in den Flur und verließ das Altersheim Richtung Parkplatz. Erst dort nahm sie die Maske ab. Mit einem Mal wurde ihr schwindelig und sie musste sich auf den Bordstein setzen. Zittrig zog sie eine Wasserflasche aus ihrer Tasche, nur um sie vor Schreck fallen zu lassen. Ihre Hände waren faltig und von Altersflecken bedeckt. Luisa war erst Mitte zwanzig, wie konnte das sein? Panisch betrachtete sie auch ihre andere Hand, die nicht besser aussah. Luisa zog sich die Ärmel ihrer Strickjacke hoch und starrte sie entsetzt an. Das waren nicht ihre Arme, sondern die einer uralten Frau. Die Haut hing schlaff über ihren Knochen. Adern schlängelten sich wie Schlangen bis zu ihrer Elle. Das kleine Herzchen-Tattoo auf ihrem Unterarm, sah aus wie ein zerlaufener Tintenfleck.

Schockiert kramt Luisa in ihrer Tasche. Zittrig tastete sie all ihre Habseligkeiten ab, bis sie endlich den kleinen Schminkspiegel fand, den sie immer bei sich trug. Sie brauchte mehrere Versuche, um den Clipverschluss zu öffnen, dann stoppte sie. Sie hatte Angst, was sie gleich zu Gesicht bekommen würde. Als sie endlich den Mut aufbrachte, starrte sie eine alte Frau an. Graues dünnes Haar und tiefe Tränensäcke, bläulich verfärbt. Tiefe Furchen zogen sich durch ihr gesamtes Gesicht. Ihr Mund hing. Ihr Kinn ging nahtlos in ihren Hals über und wurde gekrönt von einer Alterswarze.

Luisa schluchzte. Was war hier nur los? Sie versuchte sich zu erinnern, was sie heute getan hatte, doch egal wie sehr sie sich anstrengte, sie konnte die Informationen nicht abrufen. Sie wusste nur noch, dass es Fleischklößchen zum Mittag gegeben hatte. Dann versuchte sich Luisa zu erinnern, wohin sie hatte gehen wollen, aber auch das wusste sie nicht mehr. Selbst ihr Nachname schien in weiter Ferne zu sein. Sie glaubte Meier zu heißen, oder war es doch Maurer gewesen? Luisa fühlte sich unkonzentriert und fahrig. Sie merkte, dass alle Informationen in ihrem Kopf waren, aber sie fand nicht dorthin, konnte sie nicht greifen.

„Hallo, die Dame. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Ein junger Mann sah Luisa an. „Kommen Sie aus dem Heim?“

Luisa nickte. Der junge Mann half Luisa auf die Beine. Ihr Hüfte knirschte und sie hatte das Gefühl, dass ihre Beine unendlich schwer waren. Der Bordstein schien meterhoch zu sein, als sie ihren linken Fuß anhob. Mithilfe des jungen Mannes ging sie zurück ins Heim. Sie fühlte sich wohl an seiner Seite. Da war jemand der sie hielt, während alles um sie herum so fremd und dunkel wirkte. Als sie das helle Gebäude betraten, fiel Luisa auf, dass sie eine Maske in der Hand hielt. Sie funkelte wie Sonnenstrahlen nach einem Gewitter. Luisa lächelte.

 

12 Kommentare zu „Die Maske | Writing Friday

  1. Gut geschrieben. Und ich mag es auch, dass für uns, die wir das lesen, offen bleibt, wie es denn nun „in Wahrheit“ ist.
    Wurde sie durch ihre schwere Arbeit so derart ausgelaugt, dass sie ganz plötzlich alt wurde? Und hatte sich bisher niemand um sie gekümmert und nun aber findet sie Geborgenheit?
    Oder war es nur ein gedanklicher Ausflug einer Dame mit Demenz?
    Oder ist es in Wirklichkeit eine Zaubermaske, eine Verjüngungsmaske? Auch das wäre ein schöner Gedanke.

    Gefällt 1 Person

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