Hier | Writing Friday

writing-friday-2020

Dies ist ein Text zu der Aktion „Writing Friday“ von Elizzy. Jeden Freitag wird zu einem der vorgegebenen Themen veröffentlicht. Die aktuellen Themen und eine Liste aller Teilnehmer findet ihr auf Elizzy’s Seite.

Thema: Sommerferien in der Heimat – erzähle von deinem Lieblingssommerplatz in der Heimat.

Hier
Ich sehe über Häuser hinweg auf die Stadt. Eine Straße schlängelt sich neben der nächsten. Haus an Haus und in der Ferne Wald. Eines Tages werde ich dort wohnen, aber derzeit bin ich hier. Das Katzennetz wirft durch das Sonnenlicht ein Netzmuster auf meine Oberschenkel, als wolle es sie kartieren. Ich setze mich gerade hin. Der Stuhl knarzt. Eine seiner Schrauben ist lose und hat sich in das braune Holz gefressen. Lange wird er nicht mehr halten, aber noch tut er seinen Dienst. Ohne eine Auflage sitze ich auf ihm. Ich spüre die Streben, den kleinen Hügel in der Lackierung links außen, das Ende der Sitzfläche.

Vorwitzig nagt mein kleiner Kater an dem Wein und ich scheuche ihn davon. Sicherlich wird er es gleich wieder probieren. Das ist eine Art Spiel von ihm, bis ihm langweilig wird und er auf den Tisch springt, um die Vögel zu beobachten. Dort steht eine Bambuspflanze, weitgefächert, immer durstig. Obwohl es ihr in der Mittagssonne zu warm ist, hält sie sich tapfer. Nur wenig Blätter sind braun und junge Triebe arbeiten sich von unten durch das dichte Blattwerk.

Ich strecke meine Füße aus, lege sie auf den mir gegenüberliegenden Stuhl. Dort wird sich der Kater hinlegen, wenn ihm auch die Vogelbeobachtung zu langweilig wird. Der Stuhl ist noch nicht so kaputt wie der, auf dem ich sitze, aber auch an ihm haben Zeit und Witterung genagt. Der Holzlack splittert und die Schrauben rosten. Wenn die Abendsonne zu tief steht, sitze ich lieber auf diesem Stuhl, um nicht geblendet zu werden. Von hier sehe ich direkt auf den Wein. Leider sind dieses Jahr viele Blätter braun und es gibt nur eine Handvoll Trauben. ‚Kaliummangel‘ sagt das Internet. Ich habe wohl zu viele Wiesenblumen in seinen riesigen Topf gepflanzt. Einige Blätter liegen auf dem grünen Rasenteppich. Ich mag das Knistern, wenn ich über sie laufe. Einen Herbstmoment im Hochsommer.

Eine Straßenbahn fährt vorbei. Das letzte Mal für heute. Auch der Nachmittagsverkehr nimmt ab. Dafür höre ich die Menschen unter mir. Sie sitzen auf Bänken und auf den Steinen des Platzes wenige Meter weiter. Hier vorne ist es laut. Es ist heiß, die Stühle sind kaputt und das gespannte Katzennetz wirkt manchmal wie ein Gefängnis. Und doch sitze ich hier gerne. Ich bin eine von vielen, in einem Meer der Unruhe genieße ich die vorbeiziehenden Minuten und kraule den Kater mit meinen Füßen.

12 Kommentare zu „Hier | Writing Friday

      1. Und sie sind Trottel. Gibt ne Menge Katzen, die aus Fenstern/von Balkons fallen und sich verletzen. Ist ner Freundin von mir erst kürzlich passiert. Der kleine hat sich den Kiefer gebrochen beim Sturz aus dem 3ten. 😪 Denke mal, dass passiert eher Wohnungskatzen.

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  1. Liebe Katharina,
    danke für deine Beschreibung, die so schöne Bilder produziert.
    Ich hatte direkt einen alten, braunen Stuhl vor Augen, der lange hier stand. Allerdings gab es immer die Gefahr, dass er bei einem scharfen Blick auseinanderfällt.
    Liebe Grüße
    Judith

    Gefällt 1 Person

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