Emma goes Narnia | Writing Friday

writing-friday-2020

Dies ist ein Text zu der Aktion „Writing Friday“ von Elizzy. Jeden Freitag wird zu einem der vorgegebenen Themen veröffentlicht. Die aktuellen Themen und eine Liste aller Teilnehmer findet ihr auf Elizzy’s Seite.

Thema: Emma ist gerade in ein neues Haus gezogen, als sie dort den Wandschrank öffnet weht ihr ein kühler Wind entgegen, sie tritt hindurch und ist in einer anderen Welt… (Erzähle die Geschichte weiter)

Emma goes Narnia
(mir fiel kein bessere Titel ein, Vorschläge gerne in den Kommentaren)

Emma saß auf dem Bett und seufzte. Ihr Rücken schmerzte. So ein Umzug mit siebzig Jahren war wirklich anstrengend, aber es hatte sich gelohnt. Vor drei Jahren war ihr Mann gestorben. Seitdem hatte sie sich viel gelangweilt und vor allem viele Dinge machen müssen, zu denen sie keine Lust hatte. Ihr Mann hatte ihr vorher ein einigermaßen komfortables Leben ermöglicht.  Er war fügig gewesen, arbeitsam und hatte ihr selten widersprochen. Olav, ihr neuer Lebensgefährte, war ihrem Mann ähnlich. Außerdem war er wohlhabend und hatte keine Kinder. Ihre eigene Tochter hatte nach dem Tod ihres Vaters den Kontakt zu ihr abgebrochen. Emma müsste lügen, wenn sie sagen würde, dass sie die kleine Rotzgöre vermisste.

Das Bett unter ihrem Hintern quietschte. Sie hasste es schon jetzt. Auch wenn Olav sich weigerte es loszuwerden, würde sie ihn sicher bald soweit haben. Sie würde es über Mitleid probieren. Das klappte meistens. Emma hielt sich für intelligenter als die meisten Menschen. Sie war zu höherem bestimmt gewesen, doch die Umstände hatten ihr Genie ausgebremst. Immerhin hatte sie nie arbeiten müssen.

Sie sah sich genauer im Zimmer um. Olav hatte einen sehr altmodischer Stil. Das Bett fand sie furchtbar, aber der Wandschrank sah interessant aus. Neugierig öffnete die Schranktür und war überrascht, als ihr ein kühler Wind entgegenschlug. Statt eines leeren Schranks, sah sie einen schneebedeckten Wald. Was ging hier vor? Schockiert warf sie die Tür zu. Olav war unterwegs, sollte sie alleine einen Blick riskieren oder warten? Emmas Neugier siegte. Schnell zog sie sich eine Jacke und Schneestiefel über. Dann öffnete sie erneut die Schranktür. Einen Moment zögerte sie, dann trat sie in die Kälte. Ihr Atem kräuselte sich vor ihr in der Luft. Solche Winter hatte es schon Jahre nicht mehr gegeben.

Ein Geräusch neben ihr, ließ sie herumfahren. Ein riesiger Schneemann sah sie an. Seine Kohlen funkelten und seine Rübennase zuckte.

„Oh Hallo. Bist du ein Bewohner dieser Welt?“

„Was denn sonst, du dumme Trulla?“ Der Schneemann schnaubte und ein kleiner Schneesturm traf sie wie Nadeln im Gesicht.

„Hey, das tat weh.“

„Schieb ab. Du stehst in meinem Weg.“

Emma machte einen Schritt nach rechts und der Schneemann stapfte an ihr vorbei.

„Hey, du Schnepfe. Pass doch auf wo die hintrittst,“ schrie etwa mit piepsiger Stimme.

„Was….“ Emma drehte sich um, sah aber weit und breit niemanden.

„Hier unten. Verdammte Scheiße, geh von meinem Schwanz runter, sonst schalte ich einen Anwalt ein oder box dir in die Titten.“

Zu Emmas Füßen saßen kleine Schneehasen mit lilafarbenen Augen und wutverzerrten Gesichtern. Sie entschuldigte sich perplex und trat zurück. Die Hasen liefen beschimpfend an ihr vorbei. „Hure.“ „Alte Schnepfe.“ „Widerliches Menschenpack.“

„Aber das ist ein Märchenland. Mein Mann hat unserer Tochter viele Geschichten mit Märchenländern vorgelesen. Da waren die meisten Kreaturen entzückend,“ sagte sie zu sich selbst und schüttelte den Kopf.

„Wie naiv bist du denn? Ein Märchenland spiegelt immer die Person wider, die sie betritt. Du bist verdorben, deswegen bist du in einem beschissenen Märchenland gelandet.“

Emma sah hinter sich. Dort stand ein kleines Mädchen. Sie hatte rote Haare, die sie zu niedlichen Zöpfen gebunden hatte. Das war auch das einzige niedliche an ihr. Sie besaß eine Knollennase, im Kopf versunkene Augen und ein unheimliches Lächeln, dass ihre schiefen brauen Zähne preisgab.

„Das ist ja schrecklich. Wie heißt du, Kind?“

„Ich bin kein Kind, sondern Königin Brunhilde. Ich sehe nur aus wie so ein Scheißgör, weil der letzte Besucher nett war. Das gibt sich bald wieder. Du scheinst mir verdorbener zu sein. Sicher werde ich wieder zu einer fiesen hässlichen Königin. Ich spüre bereits den Drang jemanden hinzurichten.“ Sie kicherte unheimlich und musterte Emma aufmerksam.

Emma bekam Angst. Nun fiel ihr auf, wie hässlich diese Schneelandschaft war. Der Schnee war matschig und überall hatte jemand hingepisst. Der Wald sah nicht wie ein normaler ruhender Winterwald aus, sondern so als sei er abgestorben oder abgebrannt. Der Schnee sah beinahe aus wie Schimmel. In der Ferne sah sie reihenweise Fabriken, die grauen Rauch in die Luft pusteten. Es roch nach Chemie und Abfall. Emma hustete.

Der Schrank stand nur wenige Meter entfernt und sie hastete schnell hin, bevor sie erstickte oder die Kindskönigin auf die Idee kam, sie als ersten hinzurichten.

Als sie wieder im Schlafzimmer stand, empfing sie Olav. „Du hast mein kleines Geheimnis entdeckt.“ Er zwinkerte ihr zu. „Wie findest du das Märchenland?“

Emma zitterte. „Ganz zauberhaft.“

„Nicht wahr? Diese kleinen Fachwerkhäuser im meterhohen weißen Schnee, die süßen Schneehasen und erst die bezaubernde Kindskönigin. Ganz wundervoll. Wir müssen bald gemeinsame Unternehmungen machen und…“

Olav redete weiter, doch Emma hörte nicht mehr zu. Stattdessen überlegte sie, ob es einfacher war, den Schrank zu zerstören oder nochmal umzuziehen.

 

 

Du gerätst über eine Zeitmaschine ins alte Ägypten, erzähle von diesem Abenteuer.

Berichte aus dem Alltag von Simon – ein kleiner bunter Spatz, mit Pilotenbrille und einem mutigen und großen Herzen.

13 Kommentare zu „Emma goes Narnia | Writing Friday

  1. Wenn sie darüber nachdenkt, den Schrank zu zerstören oder wieder umzuziehen, dann hat sie offensichtlich ja nichts aus dem Geschehen gelernt. Kein bisschen Demut. Da kann man nur wünschen, dass ihr neuer Partner bei einer gemeinsamen Begehung im Märchenland zurück lässt und sie die böse Hexe wird.

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    1. Es gibt einfach diese Menschen, die glauben, dass immer die Anderen Schuld sind. Sie würden es wahrscheinlich nicht aushalten, darüber nachzudenken, dass sie vieles falsch gemacht haben. Tatsächlich ist das eine Art Schutzmechanismus des Gehirns.

      Gefällt 2 Personen

  2. Huhu Katha! 🙂

    „Du bist verdorben, deswegen bist du in einem beschissenen Märchenland gelandet.“ Muahahaha, was ein fieser Satz, mein Gott! Wer hätte gedacht, dass sich ein Märchenland an den jeweiligen Besucher ausrichtet! Klasse Idee auf jeden Fall – und die gute Emma tut mir in diesem Fall nun wirklich nicht leid. 😀

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    Gefällt 2 Personen

  3. Liebe Katha,
    die Ausdrucksweise der Märchenwesen hat mich sehr zum schmunzeln gebracht. 😀 Dieser Kontrast zwischen „Expectation vs Reality“ hat mir gut gefallen. Und armer Olav… Gemessen an dem Märchenland, welches er zu sehen scheint, hat er wohl eine weitaus nettere Partnerin verdient. ^^ Oder er kann Emma lehren, nicht mehr so eine schroffe Person zu sein.

    Liebe Grüße
    Alina

    Gefällt 1 Person

  4. Was eine Story! Ich musste echt schmunzeln beim Lesen. Erst einmal finde ich es super cool, dass Emma eine alte Lady ist und kein kleines Kind, was irgendwie sofort meine Assoziation war. Und zweitens liebe ich die Ausdrucksweise von den Märchenwesen, das ist mal was anderes! Aber auch die Idee, dass jede*r das Märchenland bekommt, was er oder sie verdient finde ich echt super cool! 🙂

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  5. Wahnsinns Idee! Ein Land in dem jeder das bekommt, was er verdient. Das täte vielen Menschen gut, nur diejenigen die in ein solchen Märchenland kommen wie Emma die lernen ja selbst daraus nichts. Bei denen ist Hopfen und Malz bereits verloren, vor allem mit 70 Jahren.

    Gefällt 1 Person

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