Der Kranich | abc.etüden 38+39

2019_3839_2_300

Dies ist ein Text zu den abc.etüden von Christiane. Ziel ist es 3 Worte in 300 Zeichen unterzubringen. Die Schreibeinladung für die Wochen 38+39 beinhaltet die Worte „Roman“, „variabel“ und „entlassen“, gesponsort von Alice.

Ich wollte mich vor meinem Urlaub noch einmal kreativ austoben. Hier also etwas eher abgedrehtes.

Der Kranich

Egon saß an seinem Schreibtisch und spielte mit der Schere. Sie war größer als eine Bastelschere aber kleiner als die Schneiderschere, mit der er sonst hantierte. Vor Jahren hatte er sie zum Geburtstag geschenkt bekommen und sie zu seiner Sammlung an Scheren gelegt. Benutzt hatte er sie nie.

Ihre Oberfläche fühlte sich fast elektrisch an und Egon fühlte sich inspiriert etwas Neues zu kreieren. Die letzte Kollektion hatte er gestern in Produktion gegeben, bis zur nächsten blieb ihm noch Zeit. Eigentlich liebte er es die freie Zeit für seine unbändige Kreativität zu nutzen, die er in den einheitlichen Kollektionen seiner Uniformen nicht ausleben konnte, allerdings war ihm die letzten Jahre immer etwas dazwischen gekommen. Jetzt hatte sich so viel Kreativität in ihm angesammelt, dass sie nahezu aus ihm heraussprudelte.

Egon nahm einen alten Roman, der seit Jahren ungelesen in seinem Regal lag. Simmel. Las soweiso niemand. Dann schnitt er in die Seiten Muster. Wellen wurden zu Wogen, Kreise zu Spiralen. Die Seiten schienen nicht mehr Din A5 zu sein, sondern in ihrer Größe variabel. Gerade schnitt er einen fast zwei Meter langen Flügel aus. Egon lächelte und arbeitete immer manischer, bis das, was er im Kopf hatte, Gestalt annahm. Ein Kranich aus Papierseiten. Majestätisch, elegant, wütend.

Das Tier hob seinen Kopf und schrie scharf wie Papierseiten. Kurz funkelten seine literarischen Augen  Egon böse an, dann schwang es sich in die Lüfte. Egon erschrak. Was für ein Monster hatte er gerade in die Welt entlassen?

26 Gedanken zu “Der Kranich | abc.etüden 38+39

  1. Super! „Kurz funkelten seine literarischen Augen Egon an…“ Klasse. Echt jetzt, der Text gefällt mir richtig gut. So eine schöne Wendung am Schluss, da wird man ja fast vom Stuhl gefegt! Das könnte man jedem Origami-Heftchen beilegen, als kleine Inspiration… 🙂

    Gefällt 3 Personen

  2. Ich finde diese Objekte die manche aus Büchern zaubern echt toll – selbst wenn ich es wohl nicht machen würde, da mir die Bücher leid tun würden – nun gut vielleicht ein altes Schulbuch…das brauch man eh nicht mehr..hihi…

    Sehr bildlich beschrieben – ich habe mir den Künstler mit Zunge im Mundwinkel vorgestellt und sein Blick wie der Kranich sich erhob und ihn sitzen lies…sehr bildlich.

    Liebe Grüsse

    Gefällt 1 Person

  3. Ich schmeiße keine Bücher weg. Simmel steht bei uns immer noch in den Regalen, aus den 70er Jahren, alle vom Bertelsmann Buchclub, entweder bestellt oder als Zuweisung, wenn man seine monatliche Bestellung nicht abgegeben hatte.
    Die Rezepte des Geheimagenten Lieven kochen wir immer noch nach.

    Ich denke, der Struwwelpeter wäre auch eine geeignete Vorlage gewesen!

    Schöne Idee!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s