
Dies ist ein Text zu den abc.etüden von Christiane. Ziel ist es 3 Worte in 300 Zeichen unterzubringen. Die Schreibeinladung für Juni beinhaltet die Worte „Begeisterung, lauwarm, greifen“.
Inspiriert von einem Traum. Allerdings fand meiner in einer Buchhandlung statt, wo ich aus einem Buch vorgelesen habe.
Am Adjektivsee
Vorsichtig hielt Emilia ihre Zehen ins Wasser. Zumindest die ersten Zentimeter waren lauwarm, dann wurde es kälter. Schnell zog sie den Fuß zurück. Die Idee im See schwimmen zu gehen, hatte Zuhause verlockend geklungen, aber jetzt, wo sie vor dem See stand, beschloss sie es sich auf einer Decke gemütlich zu machen und endlich das Buch zu beenden, dass sie schon vor fünfzig Seiten weglegen wollte, weil sie es schlecht geschrieben fand. Zu jeder Person gab es ein Adjektiv, ebenso zu den meisten Verben. Sie fühlte sich beim Lesen, als würde sie in einem Adjektivsee schwimmen. Immerhin ging so wenigstens ihr Verstand baden, wenn ihr Körper schon im Trocknen bleiben würde. Eigentlich las sie nur aus Trotz weiter. Sie hatte noch nie ein Buch abgebrochen und vielleicht rettete das Ende der Geschichte das Buch.
Nach einer Stunde bemerkte Emilia, dass auch das nicht der Fall sein würde. Es waren nur noch dreißig Seiten und schon jetzt steuerte das Ende auf eine Katastrophe hin. Nicht nur wurde bisher nichts aufgelöst, der Hauptcharakter entwickelte sich zum Arschloch und die Angebetete traf Entscheidungen, die kein normaler Mensch je treffen würde.
Eine halbe Ewigkeit später war sie mit dem Buch durch und klappte es zu. Sie drehte das Buch um und sah nochmal nach dem Namen der Autorin, um ihn auf ihre „werde ich definitiv nichts mehr von lesen“-Liste zu setzen. Als sie den Namen las, erschrak sie. Da stand „Emilia Glass“. Ihr Name. Sie hatte das Buch geschrieben.
Schweißnass erwachte Emilia aus ihrem Traum.
„Hey, endlich wach?“, hörte sie ihre Mitbewohnerin sagen, die gerade den Kopf durch die Tür streckte. „Lust auf einen entspannten Ausflug zu dem wunderbar klaren See?“
„Nur, wenn du versprichst keine Adjektive mehr zu verwenden,“ grummelte Emilia.

Und das, wo doch inzwischen jeder Schreibratgeber empfiehlt, mit Adjektiven vorsichtig umzugehen, tss, tss, tss. Und, welches Buch nimmt sie an den wunderbar klaren See mit? 😉👍
Ja, wirklich ein Albtraum. Aber auch ja, solche Bücher gibt es viele, und die Leute (mehrheitlich Frauen???) kaufen sie …
Danke dir für die Etüde!
Kopfschüttelnde Abendgrüße 🌅🎶🛋️🍷🍪
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Ich glaube, so schlimm sind die meisten Bücher dann doch nicht. Das war ja jur ein Albtraumbuch. 😅
Danke. Hab ein schönes Wochenende. 🌺
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Haha, ein enthüllender Traum für die arme Emilia, die offenbar eine untermittelmäßige Schriftstellerin ist.
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Oder Angst hat, eine zu sein. Das geistert wohl in allen Kunstschaffenden herum, die Angst nicht gut zu sein. 😬
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Ja, das haben wahrscheinlich alle Kreativen gemeinsam und es äußert sich auf verschiedene Weise …
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So ist das mit den Modeerscheinungen und Ratschlägen zum guten Schreiben. Menschen meiner Altersgruppe haben in der Schule beim Schreiben von Aufsätzen schlechte Noten bekommen, wenn zuwenig Adjektive verwendet wurden. Damals galt als gut, was wie Zucker über die Erdbeeren gestreut wurde. Jetzt ist es eben gerade mal nicht „in“. Wer weiss, was in zehn oder zwanzig Jahren wieder kommt?Tut mir leid für jeden, der im Literaturbetrieb gleichermassen Ansehen wie Einkommen erwerben möchte. Ich finde nicht, dass es grundsätzlich entscheidend ist, ob, sondern wie klischee- und streubüchsenhaft mit Adjektiven umgegangen wird.
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In dem Fall sollte es ja furchtbar sein, damit es ein Albtraum ist. 😅 Ich mag unterschiedliche Schreibstile. Sie müssen zum Plot passen.
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„Das kann doch wohl nicht wahr sein, dass ICH das geschrieben habe“. Habe ich oft genug schon mit eigenen Texten erlebt – im positiven aber auch im negativen Sinne – wenn man sie nach Jahren wieder einmal gelesen hat. Schreiben hat halt auch viel mit Stimmungen zu tun, die man hinterher nicht mehr nachvollziehen kann.
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Das stimmt wohl. In meinem Traum, der die Geschichte inspiriert hat, war der Text aber echt mies und mir dann furchtbar peinlich. 🤣
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Adjektivsee – tolles Wort – ich dachte, sie pfeffert am Ende das mit Adjektiven gespickte Buch in den See und macht ihn damit zum Adjektivsee, zum See der versunkenen, auf immer verlorenen Adjektive. 😉
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Mag den Vibe – ruhig, scharf beobachtet und dann dieser Punch. Hab ich gern gelesen!
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Das freut mich. 🥰
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Schlimmer kann ein Albtraum einer Schriftstellerin nicht sein 😉
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Ist auf jeden Fall Top 10. 😅
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Ziemlich gruselige Vorstellung, aber genau der Stoff aus dem Alpträume sind.
Ich habe eigentlich nichts gegen Adjektive, zumindest nichts gegen beschreibende, die die Dinge sichtbar machen, nur so nichtssägende wie „toll“, „einmalig“, „schrecklich“… dürfen gern gestrichen werden.
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Die Masse macht es. Sparsam oder fokussiert eingesetzt bereichern sie, aber in Mengen wird es unlesbar. 😉
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Das Adjektiv lautet natürlich „nichtssagend“.
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