Warum „50 Shades of Grey“ Kunst ist | Gedankenkritzelei

Das ist kein wissenschaftlicher Text, sondern eine Gedankenkritzelei. Jeden Freitag schreibe ich über etwas, das mir auf dem Herzen liegt. Wenn ich etwas wissenschatftlicher werde, bemühe ich mich keine Falschinformationen auf den Weg zu bringen. Wenn das doch passiert, lasst einen Kommentar da. Ebenso, wenn ihr Lust zu diskutieren habt oder wenn ihr eine virtuelle Umarmung braucht. Die gibt es hier gratis.

Ok, hier der Text, mit dem ich so meine Schwierigkeiten hatte. Er ist immer noch zu lang, für einen Gedankenanstoß und nicht ausformuliert, aber ich verschlimmbessere nur noch beim Überarbeiten, also hier meine 5 Cent zum Kunst-/Literaturbegriff.

Warum „50 Shades of Grey“ Kunst ist

Ich fühle schon immer Unbehagen bei der Frage, was Kunst ist oder in der Literatur eben keine „Schundliteratur“. Sind Groschenromane weniger Literatur als „Romeo und Julia“? Oder Tante Inges Blumenbilder, sind die weniger Kunst als Picassos Guernica?

Einige bestimmen

Wenn man sich Kunst und Literatur anschaut, sind es doch meist nur einige Wenige, die bestimmen, was nun Kunst und Literatur ist. Ich meine, schauen wir uns die größeren Kunst- und Literaturpreise an, die werden nicht nach Verkaufszahlen vergeben und in der Jury sitzt nicht mein Nachbar, sondern irgendjemand, der „Ahnung“ hat. Wenn ich ehrlich bin, habe ich vor allem in der Literatur oft von den Autor*innen vor dem Erhalt eines Literaturpreises nichts gehört.

Die Masse entscheidet

Am Ende entscheidet aber keine Jury, welche Bücher gelesen werden oder welche Kunst sich Menschen an ihre vier Wände hängen. Eine Beeinflussung gibt es trotzdem. Wer hat noch nie einen Film gesehen, weil er einen Oscar bekommen hat oder ein Buch lesen, weil es durch einen Literaturpreis in aller Munde ist? Aber zum großen Teil wollen die Leute das lesen, konsumieren, sich hinhängen, was ihnen gefällt. Und eine Weile war das eben „50 Shades of Grey“.

Als die Bücher in aller Munde waren, habe ich jede Menge Meinungen dazu gehört, von „schlecht geschrieben“ bis „Liebesrotz“ bis „toxisch“. Komischerweise scheinen alle die Romane als Schund zu anzusehen, aber Millionen haben sie gelesen und das nicht nur den ersten Band. Das klingt nicht nach Konsens.

Ein kleines Geständnis: Ich habe auch über die Romane gelästert, weil es alle getan haben. Manchmal tut es auch gut, mit der Masse zu schwimmen. Gelesen habe ich die Bücher aber nie, weil es mich bisher schlichtweg nicht gereizt hat. Wenn ich aber mal Bock drauf habe, werde ich die Bücher oder ähnliche lesen.

Definitionsversuch

Was ist denn Literatur, was ist Kunst? Bücher (und Filme) sollen unterhalten, vielleicht haben sie sogar einen Mehrwert, inspirieren uns im besten Fall. Für Kunst ist es ähnlich. Kunst soll gefallen, ansprechen, etwas mit einem machen, vielleicht sogar zum Denken anregen. Zumindest wäre das meine grobe Definition oder Beobachtung, wenn es um den Kunst-/Literaturkonsum geht. Kurz gesagt: Kunst und Literatur sollen Spaß machen. Und das tut „50 Shades of Grey“ offensichtlich, sonst wären die Verkaufszahlen nicht so hoch, auch ohne fancy Literaturpreis und mit zahlreichen Kritiken, die es als Schund bezeichnen.*

Auch wenn Romane wie „50 Shades of Grey“ vielleicht keinen Ingeborg Bachmann-Preis erhalten, sie unterhalten, sind aufregend, inspirieren vielleicht zu mehr Romantik und sexueller Aufgeschlossenheit im eigenen Leben oder lenken von der Abwesenheit dieser ab. Auch wenn Tante Inges Blumenbilder nicht im MOMA hängen, sie gefallen, lassen einige von wunderbaren Düften träumen und inspirieren vielleicht andere dazu, sich mehr um den Garten zu kümmern. Worauf will ich hinaus?

Nieder mit den Eliten?

Ich habe keine Lösung für die Kluft zwischen Kunst und vermeintlicher Nicht-Kunst oder Literatur und Schund, ich will nur dazu anregen, einfach das zu lesen und sich hinzuhängen, was einem gefällt, egal was in den Kritiken steht. Besser man liest vermeintlichen Schund, als dass man seine kostbare Zeit an ein Buch verschwendet, das einen langweilt. Besser man hängt sich ein kitschiges Poster an die Wand, als das Werk eines Meisters, das einen weder gefällt noch inspiriert. Also:

Lest mehr Schund und kauft Tante Inges Blumenbilder! Zumindest, wenn es euch unterhält, gefällt oder inspiriert.

*Kurzer Exkurs: Die Autorin von „50 Shades of Grey“, EL James, wurde vom Magazin Publishers Weekly als „Publishing Person of the Year“ ausgezeichnet, woraufhin gefühlt der gesamte Literaturbetrieb angefangen hat, die Wahl zu kritisieren. Ich finde die Reaktion dahingehend interessant, dass, wenn man „den Eliten“ die Definition von guter/schlechter Literatur aus der Hand nimmt, dass es solche Reaktionen gibt. Als wäre die Literatur gefährdet, weil ein aus einer Fanfiction entstandener Liebes-/Sexroman seinen Erfolg zugestanden bekommt.

15 Kommentare zu „Warum „50 Shades of Grey“ Kunst ist | Gedankenkritzelei

  1. Wenn es dich tröstet, ich kenne auch 98% der Nobelpreisträger auch nicht. 🙂 🙂
    Was die Shades angeht, da habe ich auch gelästert. Allerdings nach dem Schauen des Trailers. Film und Bücher lasse ich da locker aus. Da schaue ich lieber „Secretary“. 😉
    Ich wäre ein vernichtender Kritiker bei der Kunst. Ich kann mit den teilweise Schmierereien nichts anfangen. Da rutscht ein Affe mit farbigen Arsch über eine Leinwand und die Kunstwelt ist begeistert…. Da fasst dich nur noch an den Kopf. Da nehme ich lieber Tante Inges Stilleben. 😆

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    1. Secretary ist aber auch seiner Zeit voraus.
      Ich mag ja beides, den Poporutscher und Tante Inges Stillleben. Wenn es ästhetisch ist oder mich die Botschaft anspricht, mich am besten noch inspiriert, mag ich es.
      Ich habe mal als Kunstvermittlerin gearbeitet und immer zu anfang gesagt, dass wir weitergehen, wenn die Gruppe das Bild scheiße findet, nur ob das jetzt Kunst ist oder nicht, das ist eine ermüdende Frage. 😅

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  2. Ich habe ein anderes Beispiel, das ich für greifbarer halte: Essen. Es gibt Haute Cuisine, es gibt Sternelokale (und Sterneköche), um die ein wahnsinniges Getue gemacht wird, es gibt Fastfood und es gibt … alles dazwischen. Und ja, innerhalb dieser Spanne gibt es richtig große Unterschiede. Wenn ich die „50 Shades of Grey“ zum Fastfood sortiere und den Bachmann-Preis zu den Sternelokalen, kommt das für mich hin. Es gibt große Unterschiede, und sie sind nachvollziehbar. Insofern habe ich mit der Zuordnung keine Probleme. Die bekomme ich erst dann, wenn die Moral- oder Bewertungskeule zuschlägt. Wenn es mir schmeckt, wer hat das Recht, mir mein Fastfood schlechtzureden? Wenn ich Sterneküche geil finde, wer hat das Recht, mir vorzuwerfen, dass ich entsprechendes Ambiente bevorzuge? Keiner.
    Wissen sollte man, dass alles seine Schattenseiten hat und dass es auch völlig berechtigte Kritik gibt. Und ansonsten: Guten Appetit, sei es in der Kunst oder in der Küche … 😉👍
    Vormittagskaffeegrüße ☀️🎶💻☕🍪

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    1. Das ist ein guter Vergleich. Und ja, die Moralkeule ist die, die dabei am meisten nervt. Das ist gleich auch dieses über andere stellen, was Werner anspricht.
      Wochenendgrüße zurück. ☀️

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  3. Interessante Ansicht, die du hier vertrittst.
    Was wir so meinen: Kunst bedeutet für uns vor allem, dass keine Klischees produziert werden. Insofern sind Tantes Inges Blumenbilder, Deko aber keine Kunst. Außerdem ist Literatur, die wir als Kunst betrachten, selbstreferentiell, d.h. sie macht keinen Hehl daraus, dass sie ein Artefakt ist und bezieht sich – was wir lieben – auf andere Kunstwerke. Und nicht zuletzt ist Kunst, was in Rezensionen und bei Preisen als Kunst bezeichnet wird. Ein Buch, das z.B. im Selbstverlag umbeachtet bleibt, ist für uns keine Kunst. Wir haben kein Problem damit, dass Eliten bestimmen, was als Kunst anzusehen ist. Wenn jeder das bestimmen könnte, würde weitgehend die gesamte post-moderne Literatur abgelehnt werden, wie auch ganze Kunstrichtungen wie Dadaismus z.B.
    Und zu ’50 Shades of Grey‘ – es hat so seine Längen, aber, was wir besonders finden, es wiederholt nicht die Standard-Situationen dieses Genres, die alle entweder auf ‚Die Geschichte der O‘ oder auf ‚Fanny Hill‘ zurückgehen.
    Mit herzlichen Grüßen vom Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 :-):-)

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    1. Aber ist von Eliten definierte Kunst nicht auch Klischee behaftet? Sie muss politisch und darf nicht „nur hübsch“ sein oder wie von Tante Inge aussehen, außer die kunstschaffende Person ist schon etabliert. Kunst etellt sich über andere Kunst. Das ist es, was ich bedauere.
      Grüße ans Meer. ☺️🐚

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      1. Erst einmal ganz einfach, der Begriff ‚Kunst‘ würde inhaltsfrei, wenn man jeden Kram als Kunst bezeichnen würde. Andy Warhol machte es ja deutlich, dass Kunst das ist, was als Kunst anerkannt ist – siehe seine Campbell Dose im Museum. Klar, Kunst stellt sich über andere Artefakte, diese Abgrenzung ist gut und nötig. Eine Relativierung würde der Kunst nicht helfen.
        Bei Klischees habe ich mehr an Stilklischees gedacht, aber, da hast du recht, Gedankenklischees fallen auch darunter. Was hältst du denn von Mukarovskys dynamischer Definition von Kunst: Kunst ist die mittlere Abweichung eines Artefakts vom Erwartungshorizont der Rezipienten. Das finde ich eine gute Definition, nach der für dich z.B. etwas Kunst sein kann, was für mich keine Kunst ist. Allerdings halte ich es schon für sinnvoll, einen Text erst dann als künstlerisch anzusehen, wenn er auch von Spezialisten wie Lektoren, Agenten, Literaturwissenschaftlern und Kritikern beachtet wird.
        Interessant hierzu ist u.a. Mihaly Csikszentmihalyi, für den der Erfolg ein Kriterium für Kreativität und somit Kunst ist.
        Anyway, danke für die interessante Diskussion. Ich finde, du hast ein tolles Thema angesprochen.
        Alles Gute
        Klausbernd 🙂

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