Ho ho ho | Impulswerkstatt

Dies ist ein Text zu der Impulswerkstatt von Myriade. Ziel ist es etwas Kreatives zu einem oder beiden vorgeschlagenen Bildern zu erstellen. Hier könnt ihr alles darüber lesen: *KLICK*
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Ho ho ho

Luisa fröstelte es, als sie am Kloster vorbeiging. Eigentlich war es heute wärmer als die letzten Tage, doch das, was sie fühlte, war kein Frösteln vor Kälte, sondern eines aus Angst. Während das Kloster, wenn sie mittags daran vorbeiging, friedlich aussah, wirkte es in der Dunkelheit bedrohlich, wie ein Monster mit zwei Reihen spitzer Zähne. Vor allem die Südseite, die sie für wenige Meter entlang musste, jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Es gab nicht viel zu sehen. Eine Mauer, ein zugemauerter Eingang, eine Bank und darüber eine Art Guckloch. Wenn man bei Tag hindurchsah konnte man den derzeit weihnachtlich geschmückten Innenhof sehen, aber nachts schien etwas Böses dort hindurch zu blicken. Luisa wusste, dass das albern war und von ihrem hohen Horrorfilmkonsum stammte, trotzdem hatte sie sich nie getraut weniger als zwei Meter daran vorbeizugehen. Leider blieb ihr heute nichts Anderes übrig. Eine Baustelle verengte den Gehweg und wenn sie nun den Arm ausstreckte, konnte sie die Mauer berühren.

Schnellen Schrittes huschte sie an dem unheimlichen Guckloch vorbei. „ho ho ho“ rief jemand, doch Luisa konnte niemanden vor sich sehen. Sie beschleunigte den Schritt. „ho ho ho“ hörte sie noch einmal und ignorierte es. Der Bus würde in weniger als drei Minuten an die Haltestelle kommen, das nahm sie als Anlass loszustürmen. An der Haltestelle angekommen, war sie ganz außer Atem und kam sich ein wenig albern vor.

Den ganzen nächsten Tag war sie nervös und suchte auf Google Maps nach alternativen Wegen zur Haltestelle, aber selbst ohne Baustelle war eine andere Strecke ein riesiger Umweg und beinhaltete eine Strecke durch das Industriegebiet, was nachts nur ein bisschen weniger unheimlich war, als das Kloster. Heute hatte sie zum Glück Kopfhörer dabei und hörte auf dem Heimweg einen ihrer Lieblings-Podcast rund ums Thema Fußball. Als sie an dem grusligen Mauerloch vorbeiging, philosophierte einer der Podcaster gerade darüber, welche astronomischen Summen man bräuchte, um diese Saison noch ein passables Team aufzustellen. Luisa sah stur geradeaus und beschleunigte ihren Schritt. Diesmal ertönte das „Ho ho ho“ mitten in ihrem Podcast. Luisa war sich sicher, dass es nicht von außen kam. Mitten in das Gerede von Spielerstärke und Teamdynamik flüsterte es „ho ho ho“, immer wieder, bis die Mauer außer Sicht war. Diesmal rannte Luisa nicht, sondern ging steif vor Angst in normalem Tempo weiter. Erst als sie die Bushaltestelle sah, traute sie es sich wieder normal zu atmen.

Am nächsten Tag probierte Luisa mit Musik ihre Angst zu vertreiben, doch mitten in dem Refrain hörte sie wieder das „ho ho ho“. Unauffällig fügte es sich mitten in die Zeilen ein, ohne ein Wort zu ersetzen. Dreimal hörte sie es, dann sah sie die Haltestelle. Am Tag darauf versuchte sie es mit einem anderen lauteren Song, doch wieder mischte sich das „ho ho ho“ in die Musik ein. Am vierten Tag gab sie auf. Mittlerweile halb wahnsinnig vor Angst, stellte sie sich, nachdem sie das erste „ho ho ho“ gehört hatte, vor das Mauerloch und schrie „Was denn?“.

Nichts passierte, also rief sie lauter. „Was willst du von mir? Bist du der verfickte Weihnachtsmann oder was?“ Luisa zitterte vor Angst und Wut, doch sie hörte und sah nichts. Das Mauerloch war ein Mauerloch und nicht mehr. Wurde sie langsam verrückt? Sie stand noch einige Zeit vor dem Loch und überlegte, was sie nun tun sollte, als ihr Bus plötzlich an der Straßenkreuzung vorbeifuhr.

„Scheiße“ sagte sie laut und überlegte kurz, ob sie es mit einem Sprint noch bis zur Haltestelle schaffen könnte, aber das war Unfug. Da das der letzte Bus war, musste sie sich wohl oder übel ein Taxi nehmen. Luisa war so abgelenkt, dass sie das Mauerloch für einen kurzen Moment vergaß. Erst als ein eiskalter Windhauch ihr mitten ins Gesicht blies, bemerkte sie, dass sie immer noch vor dem unheimlichen Loch stand. Ein Kichern ertönte, dann Hufgetrappel und schließlich war es wieder still. Luisa stolperte rückwärts gegen den Baustellenzaun. Der Lärm, den sie dabei verursachte, erschreckte sie so sehr, dass sie ihre Beine in die Hand nahm und losspurtete. An der Haltestelle rief sie ein Taxi und fuhr nach Hause. Der Schreck saß so tief, dass sie sich die nächsten Tage krankschreiben ließ. Als sie das nächste Mal an dem Mauerloch vorbeiging, war die Baustelle bereits abgebaut. Das „ho ho ho“ hörte sie nicht noch einmal, sie ging aber auch nie wieder so nah an dem Mauerloch vorbei.

3 Kommentare zu „Ho ho ho | Impulswerkstatt

  1. Hurra, die erste Weihnachtsgeschichte bei der Impulswerkstatt ! und noch dazu eine gruselige Version. Ich freue mich sehr über die Premiere ! Dieses Loch ist ja aber auch wirklich sehr verlockend. Ich nehme an, der Weihnachtsmann mit seiner Armee hat das Kloster überfallen und das Christkind verjagt 😉
    Danke für den Beitrag und einen schönen Tag wünsche ich euch.

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