Vier Seelen | abc-etüden

Dies ist ein Text zu den abc.etüden von Christiane. Ziel ist es 3 Worte in 300 Zeichen unterzubringen. Die Schreibeinladung für die Wochen 10 + 11 beinhaltet die Worte „Klassenkeile, schwammig, trödeln“, gesponsert von BerlinAuthor.

Ich glaube nicht an Seelen oder dergleichen, aber ich finde sie als Synonym für die Essenz eines Menschen oder eines Lebens perfekt. Irgendwie habe ich das versucht zusammenzufassen und entstanden sind vier kleine Texte.

Vier Seelen

Er kann nicht lügen und holt sich lieber Klassenkeile ab, als sie nicht zu verpfeifen. Wenn die Hose reißt ist das besser, als wenn seine ehrliche Seele zerbricht. Irgendwann mal wird er Polizist oder Politiker. Irgendwann wird Lügen etwas das er tun muss, um ehrlich zu bleiben. Irgendwann ist seine ehrliche Seele hinter Glas. Sie glänzt, aber sie zeigt sich nur ihm selbst und seinen Vertrauten.

Sie trödelt im Frühling auf dem Schulweg und kriegt Schelte dafür, dass sie immer wieder zu spät kommt. Ihr Lehrer fragt warum, ihre Eltern fragen warum, aber sie zuckt nur mit den Schulter. Man gibt auf, sagt aus ihr wird nichts. Sie weiß es besser. Eines Tages eröffnet sie einen eigenen Laden und füllt die Seelen anderer mit Farben und Düften, die sie in den Blumenmeeren auf ihrem Schulweg entdeckt hat.

Er ist fast blind, nimmt seine Umgebung nur schwammig war. Menschen sind für ihn Schemen. Statt auf Instagram und Tik Tok zu surfen, statt ins Kino zu gehen, hört er den ganzen Tag Musik. Er hat keine Freunde, stattdessen kennt ihr die großen Musiker, fühlt sich ihnen näher als allen anderen. Irgendwann wird er neben ihnen stehen und erklären, dass das Hören nichts mit dem Nicht-Sehen zu tun hat, nur mit der Art der Seele mit der man ausgestattet ist.

Sie versucht zu verstehen, wie alles aufgebaut ist, wie alles funktioniert. Ständig wirft sie mit Warums, Wohers und Wies um sich und wühlt so lange bis sie eine Antwort hat. Doch eines findet sie nie: die Essenz des Menschen. Man sagt ihr, es sei die Seele, aber die sieht sie nicht. Irgendwann sagt ihr jemand, sie solle lieber nach dem Wer fragen. Das tut sie. Eine Seele findet sie nicht, aber ein Sich und ein Jemand Anderes. Das reicht ihr als Antwort.

14 Kommentare zu „Vier Seelen | abc-etüden

  1. Richtig, die Essenz bekommt man über Fragen auch nicht zu fassen, bestenfalls gelingt eine Art der Annäherung. (Ich weigere mich ansonsten, „Seele“ zu definieren.) Gefällt mir sehr.
    Das ist interessant, deine Aufteilung in kleine Texte. Du hattest das auch bei den Adventüden gemacht, ich glaube 2019, an die erinnere ich mich ausgesprochen gern … 😀
    Nachmittagskaffeegrüße (verdient) 😀

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  2. Erst verstecken, tarnen wir unsere Seelen, unser Innerstes, unser Wesentliches. Dann verlernen die Anderen allmählich die Seele des Gegenübers zu sehen, zu spüren, zu erkennen. Danach fangen wir an, zu fragen, ob es eine Seele denn wirklich gibt. Ja, es gibt sie. Sie offenbart sich beim Blick in die Augen, ja, selbst beim Betrachten eines Fotos oder, wenn zwei Hände einander halten. Mich erschrecken Menschen, die schon „gelernt“ haben, ihr Augen vor anderen zu verschließen. – Eine meine Gedanken anregende Etüde. Liebe Grüße, Bernd

    Gefällt 2 Personen

  3. Auch ich mag es, wie du durch die Abschnitte der Seele näher gekommen bist oder es wenigstens versucht hast 😉 – ich will sie auch nicht definieren, sie geht über die Worte hinaus und will wohl eher gespürt als gedacht zu werden und sie mag es, sich auszudrücken: in beseelten Tönen, beseelten Bildern, beseelten Worten und vielem mehr.
    Danke für deine anregende Etüde.
    Herzlichst, Ulli

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  4. Wunderschön.
    Wenn du Probleme mit der „Seele“ unserer westlich-christlichen Tradition hast, kannst du vielleicht mit der hebräischen etwas mehr anfangen: In der hebräischen Bibel (dem Alten Testament) ist von zwei Begriffen die Rede: da ist einmal „Nefesch“, es bedeutet so viel wie „Kehle“ und hat eine Körperlichkeit, die wir gern verdrängen. Die Nefesch leeren (also die Kehle oder den Körper auskippen) ist ein Synonym für töten. Die andere Komponente ist „Ruach“, es wird ungefähr wie ein Hauch ausgesprochen, ist die geistige Komponente (Ruach heißt ungefähr „Geist“).
    Beide zusammen machen den ganzen Menschen aus, die Gesamtheit von Geist und Körper. Das eine ohne das andere geht nicht. Und genau das hast du in deinen Texten herausgearbeitet.
    Liebe Grüße, Anja/Annuschka

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