Gespräche mit Rüdiger – Tierethik II | abc.etüden

Dies ist ein Text zu den abc.etüden von Christiane. Ziel ist es 3 Worte in 300 Zeichen unterzubringen. Die Schreibeinladung für die Wochen 1 + 2 beinhaltet die Worte „Zetermordio, weichmütig, backen.“, gesponsert von Ludwig Zeidler

Gespräche mit Rüdiger – Tierethik II

Rüdiger habe ich seit drei Tagen nicht gesehen. Ich mache mir Sorgen und unser letztes Gespräch will mir nicht aus dem Kopf gehen. Ich backe Kekse zur Ablenkung.

„Da bin ich kurz weg und es gibt nichts mehr zu essen.“

„Rüdiger! Wo warst du? Nach dem Zetermordio letztes Mal…“

„Hältst du dich für tugendhaft?“

Ich sehe Rüdiger verblüfft an. „Tugendhaft, sowas wie ehrlich und mutig?“

Rüdiger nickt. Ich fülle seinen Napf und er schlingt ein paar Happen herunter.

„Ich bemühe mich. Wieso fragst du?“

„Mit Vorwürfen kommt man nicht weit, aber es gibt da eine Ethikerin, die es mit Handlungsanweisungen probiert hat: Hursthouse. Sie meint, man müsse Tiere so behandeln, dass man sich tugendhaft nennen kann. Wenn du tugendhaft bist, würdest du nicht abstreiten, dass Tiere in der Massentierhaltung leiden, oder?“

„Nein,“ antworte ich verwundert.

„Du bist auch nicht zügellos, also isst du Fleisch nicht nur aus Genuss?“

„Das ist schwieriger…“

„Aber du bist mutig, deswegen setzt du dich für Tierwohl ein, oder?“

Ich nicke.

„Und weichmütig oder barmherzig? Würdest du aufhören Tiere zu essen, weil du weißt, dass sie leiden?“

„Zumindest aus Massentierhaltung. Kann man nicht barmherzig sein und Biofleisch essen?“

„Warum?“

„Weil Menschen Fleisch brauchen. Gibt keinen wissenschaftlichen Konsens, aber ich habe das Gefühl, dass mein Körper das braucht.“ Ich überlege und Rüdiger verleibt sich den Rest seines Napfes ein. „Ich essen Fleisch aus Genuss, aber auch, weil ich es für mein Überleben notwendig halte. Ob ich Recht habe, weiß ich nicht.“

Rüdiger nickt. „Aber, wenn du echt barmherzig wärst, würdest du einem armen Kater den verspannten Rücken kraulen.“

Ich lache und setze mich. Rüdiger rollt sich auf meinem Schoß zusammen und ich kraule ihn. Zum Glück ist er wieder da, auch wenn ich nun wieder stundenlang darüber nachdenke werde, was er gesagt hat.

Quellen:
*Hursthouse, Rosalinde: On virtue ethics – OUP Oxford (englisch)
*Etwas allgemeiner zum Thema, habe ich mir gerade gekauft, aber noch nicht gelesen:
Grimm, Herwig; Wild, Markus: Tierethik zur Einführung – Junius Verlag, 2016

17 Kommentare zu „Gespräche mit Rüdiger – Tierethik II | abc.etüden

  1. Alleine schon die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier und die qualitative Wertung in höher gestellt und weniger entwickelt, ausgedrückt und gepflegt im „Und macht euch die Erde untertan“ hat verfestigt, dass wir niederes Leben ohne schlechtes Gewissen als Speise benutzen. Und da wir das Töten ja schon lange anderen überlassen haben, den Metzgern und den Schlachthöfen, ist es sehr anonym und beziehungslos, eben Ware geworden. Die Anderen sind die (Scharf-)Richter, nicht wir.
    Und das macht die Sache so schwierig und den Weg wohl so lang, bis wir mit alten Gewohnheiten brechen.

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    1. Ich glaube auch, dass diese nicht vorhandene Beziehung ein großer Teil ist. Wer sieht schon in der Salami, die er ist, das Tier, von dem sie stammt. Ich finde das auch schwierig, aber ich kann zB nicht ausschalten, wenn mir jm Massentierhaltungsfleisch vorsetzt, dass da etwas absolut Widernatürliches Ekelhaftes vor mir liegt. Vielleicht kann man Menschen zumindest dahin bringen.

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  2. Typisch: Mach deinen untergebenen Dosenöffnern ein schlechtes Gewissen (bei dir über tiefgreifende philosophische Gespräche) und nutze das dann aus 😼🐈😁👍
    Wie Werner; und auf dem „Macht euch die Erde untertan“ bin das letzte Mal schon herumgeritten …
    Müde Nachmittagskaffeegrüße 😁☁️☕🍪👍

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      1. Als Ex-Bioladnerin und später Köchin habe ich aufgegeben jemanden überzeugen zu wollen. Verlorene Liebesmühe, entweder wissen sie es besser oder anders.

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      1. Ich habe nicht das Recht, irgendjemandem seinen Fleischkonsum vorzuwerfen, da ich mich bisher 93 % meines Lebens vom Tier ernährt, gekleidet und gepflegt habe.

        Wenn über 99 Prozent der Tierhaltung schlecht ist, dann ist das kein pauschales Urteil.

        Ich zweifele nicht an deinem Bio-Hof.

        10 Milliarden Menschen lassen sich nicht tierisch ernähren. Für das Futter der Tiere müssten wir auf Ackerflächen für unsere pflanzliche Ernährung gänzlich verzichten (dabei u.a. ausgeblendet: der CO2-Ausstoß oder der Wasser-Verbrauch). Und die 10 Miiliarden streben danach und die Fleisch-Industrie wirbt darum (Deutschland ist fünftgrößter Exporteur).

        Die einzige Möglichkeit 10 Milliarden Menschen zu ernähren ist, auf die Nutzung der Tiere zu verzichten.

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      2. Ich glaube nicht, dass ein totaler Verzicht der beste oder ein realistischer Weg ist. Was ist zB mit Wild? Ich spreche mich für eine schrittweise Umstellung aus: Starke Reduzierung des Fleischkonsum und anderer tierischer Produkte UND hin zu lokalen Lebensmitteln. Dieses Hin- und Hertransportieren von Lebensmitteln ist absolut bescheuert. Was genau ist an Chiasamen besser als an Leinsamen zB. UND weniger Abfall. Wir müssen aufhören soviel Lebensmittel zu verschwenden. Fängt bei Produktion an und hört beim Endkunden auf. Alles in allem muss Lebensmitteln wieder mehr Wert beigemessen werden.
        Nicht alles auf einmal, aber nach und nach die Gesellschaft zu wandeln, könnte ich mir als realistischen Weg vorstellen.

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      3. Da die Politik nichts macht, von jedem einzelnen der verstanden hat, dass es so nicht weiter geht. Ich denke dadurch, dass man offen redet, regt man andere zum Nachdenken an. In meinem Freundeskreis und an der Arbeit konnte ich so schon einiges bewirken. Wenn das weitergetragen wird: Super. Und du machst das mit deinem Blog auch. Sicher haben einige ihr Handeln dadurch schon in Frage gestellt.
        Ob das reicht? Keine Ahnung, aber es ist besser als aufgeben und hinnehmen.

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