Die Künstlerin | abc.etüden 36+37

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Dies ist ein Text zu den abc.etüden von Christiane. Ziel ist es 3 Worte in 300 Zeichen unterzubringen. Die Schreibeinladung für die Wochen 36+37 beinhaltet die Worte „Verzweiflungstat“, „ambivalent“ und „hingeben“, gesponsort vom Etüdenerfinder Ludwig Zeidler.

So wie die Dame in der Geschichte fühle ich mich jedes Mal, wenn ich eine Geschichte oder ein Gedicht auf den letzten Drücker schreibe und scheiße finde. Wenn ich es dann veröffentliche, sind das meist die beliebtesten Texte von mir. Vielleicht schwingt auch eine kleine Kritik am Kunstbetrieb mit, aber nur vielleicht. 😉

Die Künstlerin

Sie schwang  den Pinsel hin und her und hin und her. Dann verharrte sie einen Augenblick und versank in einer kreisenden Bewegung. Sie stellte sich vor, wie die kleinsten Partikel  miteinander spielten, wie sie Vereinigungen schlossen, nur um sich dann wieder zu trennen. Die Farbe durchlief ambivalente Zustände, gleichzeitig flüssig und fest, hell und dunkel, körnig und weich. Widersprüche ergänzten sich, lösten sich auf. Während eine Spur Gold in einen Berg Grün floss, kümmerte sie sich um ein Tal Rot. Sie atmete tief durch. Ein und aus. Volle Konzentration. Sie hatte beschlossen, sich diesem Prozess ganz hinzugeben, denn nur so konnte sie das Ergebnis erzielen, das man von ihr erwartete.

Als sie fertig war, betrachtete sie ihr Werk aufmerksam und brüllte dann laut FUCK. Die Farben wirkten matschig, irgendwie schimmerte in der linken Ecke etwas Leinwand durch und in der Mitte lag ein Berg Farbe wie ein Kuhhaufen. Wütend nahm sie die schwarze Farbe und strich das Bild mehrfach mit einem besonders dicken schwarzen Pinsel durch.

Sie sah auf die Uhr. Zwanzig Minuten bis zur Ausstellungseröffnung. Wütend und gestresst nahm sie das Bild und brachte es zur Galerie. War jetzt auch egal. Alles vorbei. Mist. Niemand würde jemals wieder Werke von ihr ausstellen.

Als am nächsten Tag das Werk „Verzweiflungstat“ versteigert wurde, erzielte es eine stolze Summe von dreihunderttrausend Dollar. Die Künstlerin wurde zur Biennale, documenta und ins MomA geladen. Sie malte nie wieder ein Bild.

17 Gedanken zu “Die Künstlerin | abc.etüden 36+37

  1. Liebe Katharina,
    wunderbar. Ja, vielleicht sind die Dinge, die ohne lange Überlegungen und Hin und Her wälzen entstehen, tatsächlich besonders. Und ich glaube, die große Kunst ist es, ein Gespür dafür zu bekommen, was gerade dran ist. Geplantes und strukturiertes (durchaus wichtig) oder ein ganz spontaner Auswurf von dem, was in diesem Moment da ist.
    Liebe Grüße und schönen Abend
    Judith

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    • Im Prinzip hat das Ganze ja 2 Lesarten: entweder ein wirklich großes Kunstwerk ist eben durch diese Spontanität entstanden oder die Kunstwelt hat ne Meise. Vielleicht ist ja auch beides passiert.
      Danke. Hab auch noch einen schönen Abend. 🙂

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  2. Höchst irritierend. Ich würde den Mechanismus dahinter gerne verstehen, aber ich fürchte, dass man das nicht kann.
    Hast recht, die Wörter sind ein guter Einstieg, wenn sie auch in eine bestimmte Richtung zu ziehen scheinen. 😉
    Liebe Grüße und danke 👍
    Christiane 😁😺🐿️❤️🌧️

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    • 😉 Ist halt auch die Frage, ob der Erschaffer etwas mit den paar Strichen aussagen wollte. Habe mal ein Werk gesehen, bei dem die Künstlerin die fehlenden Fäden eines Teppichs, ein Familienerbstück, gezeichnet hat. Fand ich toll, auch wenn es nur einzelne Striche waren.

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  3. Da bewahrheitet sich mal wieder, dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Es wäre interessant, mehr darüber zu erfahren, wie manche Kunstwerke wirklich entstanden sind. Vielleicht wäre deine Protagonistin gar nicht so alleine 😃
    Liebe Grüße
    Viola.

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  4. Du siehst doch selbst an Deinen Dienstagsgedichten die vielfältigen Interpretationen, die wir Dir unterschieben/unterstellen. Die Werke, egal ob Gedicht oder Gemälde werden in der Regel ja uninterpretiert vorgestellt, zumindest auf den Autor bezogen. Die Galerie-Kataloge und die Klappseiten in den Büchern kommen ja wohl durchweg von Anderen. Was der Künstler wirklich gedacht hat, bleibt so verborgen. Und ich denke, dass macht halt den „Charme“ der Kunst aus: jeder kann darin sehen was er sich vorstellt und sich bestätigt fühlen.

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  5. Hahaha – oh nein, die Arme. Da hätte ich wahrscheinlich das Malen auch aufgegeben. Wenn ein Bild, das für einen selbst so Mist geworden ist und dann alle anderen kaufen…da stimmt doch was mit der Wahrnehmung nicht.
    Ziemlich gute Idee

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