„Man lebt zweimal“ | AnthoAlice Erinnerungen

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*Dies ist ein Beitrag zu der Blogparade „AnthoAlice“  von Alice. Zum Thema Erinnerungen kann man allen möglichen kreativen outlet bis zum 15.05. beitragen.*

Ich habe vor einiger Zeit auf einem Friedhof ein Grab gesehen, dass wild bepflanzt und dessen Grabstiin mit Graffitti vollgesprüht war. Da ich die wahre Geschichte so bedrückend fand, habe ich beschlossen, eine schönere Geschichte darüber schreiben.
Das verwendete Zitat ist von Honoré de Balzac.

Man lebt zweimal

„Ich bin müde“ sagt er und ging für immer schlafen. Zurück blieben seine Frau Maria, zwei erwachsene Kinder und ein noch junges Kindeskind. Außerdem ein Hund, zwei Katzen, ein altes Haus mit gepflegtem Garten und die Erinnerung an jemand, der jetzt nur als Hülle langsam zu verfallen begann.

„Man lebt zweimal: das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung.“ stand auf seinem Grabstein. Das fand seine jüngste Tochter so treffend. Maria war es egal, sie hätte auch ein „RIP“ oder ein „In Erinnerung“ hingenommen. Der Stein, auf dem der Spruch stand, war grau und glänzte etwas rötlich in der Sonne. Das fiel Maria nach dem 357ten Besuch auf, bis dahin hatte die ganze Welt sowieso grau gewirkt.

Sie sah sich das Grab zum ersten Mal genau an und hatte das Gefühl, etwas Fremdes zu betrachten. Der Stein war trostlos. Selbst der rötliche Schimmer war irgendwie stumpf. Weiße Steine lagen auf dem Grab, weil sie praktisch und einfach zu pflegen waren. In der Mitte stand eine große gelbe Schale mit nichtssagendem Gewächs. Sie wusste nicht einmal welche Blumen das waren, die waren immer seine Sache gewesen. Würde er jetzt den Garten sehen, wäre er sicherlich traurig. Beim Anblick des Grabes auch.

Wüsste sie es nicht besser und stände da nicht sein Name, würde sie nie erraten, dass das sein Grab war. Der Spruch störte sie mit einem Mal. Wenn ihr Mann noch in ihrer Erinnerung lebte, dann sicherlich nicht unter hässlichen Kieseln, nichtssagenden Blumen und einem schnöden Stein mit einem unpassenden Spruch. Maria wurde mit einem Mal wütend.

Am nächsten Tag ließ sie sich von ihrem Nachbarn in den Baumarkt fahren und kaufte richtige Blumen. Solche, die sie an ihn erinnerten, auch wenn sie den Namen nicht kannte. Dann holte sie noch Farbe und Pinsel.

Das ganze Wochenende verbrachte sie am Grab, schmiss die Kiesel weg, bereitete den Boden auf und pflanzte die Blumen ein. Den gelben Pott mit den nichtssagenden Blumen, stellte sie auf ein ungeschmücktes Grab. Dann fing sie an den Grabstein zu bemalen, in rot und grün an den Seiten und verschiedenen Blautönen in der Mitte. Statt dem Spruch malte sie einen roten Schmetterling – das war eines ihrer vielen Geheimnisse. Als sie fertig und zufrieden mit dem Grab war, setzte sie sich im Schneidersitz davor. Ihre Haare waren voller Farbe, ihre Hände voller Dreck und ihre Kleidung bewohnte ein Gemisch aus beidem.

Jetzt stimmte es. Maria atmete tief durch, dann stand sie auf und kam nie wieder. Es gab im Garten eine Menge zu tun.

6 Gedanken zu “„Man lebt zweimal“ | AnthoAlice Erinnerungen

  1. Das ist wirklich sehr emotional. Toll – so sollte ein Grab sein. Wie man den verstorbenen kannte – und dann nie wieder hin gehen. Das wäre auch meine Divise – ich halte nicht viel von diesem Totenkult. Lieber in der Erinnerung leben – als ständig am Grab zu trauern.
    Sehr schöner Text.

    Grüsse

    Gefällt 1 Person

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