kunstleiden | Der Dienstag dichtet


Der Dienstag ist für mich Gedichtetag. Wer sich anschließen will, ist herzlich willkommen. Einfach einen Kommentar schreiben. Die Liste der bisherigen Dienstagdichtenden findet ihr am Ende.

Und welche Autor*innen hier kennen das? 😉

kunstleiden

eisig kalt. mein rücken schmerzt.
der magen knurrt, der darm seufzt.
meine hände sind am limit.
aber mein kopf sagt weiter.
finger tanzen über tasten, schaffen
welten, beleben ideen und malen
wortbilder.
immer
weiter.
bis mein kopf leergeschrieben ist
und michelangelo mir unter der
sixtinischen decke hängend zulacht.

Weil wahrscheinlich kaum einer den Michelangelo Hinweis am Ende versteht, hier der Anfang des Gedichtes, das Michelangelo über seine Arbeit an der Decke der Sixtinischen Kapelle schrieb:

„Ich habe schon einen Kropf von dieser Tortur bekommen,
hier zusammengekauert wie eine Katze in der Lombardei
(oder irgendwo sonst, wo das stehende Wasser giftig ist).
Mein Magen ist unter meinem Kinn gequetscht, mein Bart ist
zeigt auf den Himmel, mein Gehirn ist in einem Sarg zerquetscht,
meine Brust verdreht sich wie die einer Harpyie. Mein Pinsel,
die ganze Zeit über mir, tropft Farbe
so dass mein Gesicht einen feinen Boden für Exkremente bildet!…“



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Weghörfreiheit | Gedankenkritzelei

Das ist kein wissenschaftlicher Text, sondern eine Gedankenkritzelei. Jeden Freitag schreibe ich über etwas, das mir auf dem Herzen liegt. Wenn ich etwas wissenschatftlicher werde, bemühe ich mich keine Falschinformationen auf den Weg zu bringen. Wenn das doch passiert, lasst einen Kommentar da. Ebenso, wenn ihr Lust zu diskutieren habt oder wenn ihr eine virtuelle Umarmung braucht. Die gibt es hier gratis.

Weghörfreiheit

Das Problem ist nicht, dass wir keine Meinungsfreiheit haben, sondern dass plötzlich alle denken, dass ihr Meinung interessant genug ist, um von allen gehört werden zu müssen. Das klingt erstmal hart, aber ich habe wirklich das Gefühl, dass Menschen, die glauben, ihre Meinung nicht äußern zu dürfen, diese besonders wichtig nehmen. Nur ist sie das halt oft nicht.

Kurzer Background

Wenn ich auf Social Media neutrale Personenbezeichnungen wähle, kommt IMMER mindestens ein Kommentar darüber, wie scheiße das ist und dass ich ein anderes Wort benutzen soll (Forschende ist ein absolutes Triggerwort). Das kommt in den meisten Fällen von Leuten, die sagen, dass es keine Meinungsfreiheit gibt. Eine Weile habe ich nett reagiert und darauf hingewiesen, dass ich schreiben darf, wie ich das möchte. Dann habe ich das aufgegeben, und begonnen zu trollen: „Immer diese Sprachpolizei!!11 Ich schreibe wie ich will!“ Mittlerweile blende ich aus und bei ganz unnetten Kommentaren blocke ich die Person. 

Bitte nicht widersprechen!

Das interessante ist ja auch, dass die Beschränkung der Meinungsfreiheit oft mit dem Gegenwind verwechselt wird, den eine Meinungsäußerung manchmal nach sich zieht. Nachdem eine Person ihre Meinung kundgetan hat, heißt das nicht, dass es Zustimmung geben muss. Jede geäußerte Meinung kann und sollte hinterfragt und diskutiert werden, aber das wollen Meinungsfreiheitskämpfer selten. Sie wollen Zustimmung. Sie wollen Recht haben. Das mag in der eigenen Bubble funktionieren, nicht aber auf Social Media oder dort, wo eine Vielzahl Menschen mit unterschiedlichen Meinungen existieren.

Ich höre halt nicht zu

Meinungsfreiheit bedeutet übrigens auch nicht Beleidigungsfreiheit. Wer mich anraunzt, wird sofort geblockt. Wenn mich jemand auf der Straße beleidigt, bleibe ich doch auch nicht stehen und höre zu. Ich glaube, dass da jede Person weggehen würde. Dasselbe Prinzip wende ich online an. Auf meinen Social Media-Kanälen kann jede*r seine Meinung kundtun, aber Meinungsfreiheit bedeutet nicht Zuhörzwang. Ich nehme mir die Freiheit heraus, Meinungen zu ignorieren und das nach eigenem egoistischem Interesse. Ich muss nicht reagieren. Ich muss nicht zuhören. Ich muss nicht begründen, warum ich das tue.

Aurora und Helios | abc.etüden

Dies ist ein Text zu den abc.etüden von Christiane. Ziel ist es 3 Worte in 300 Zeichen unterzubringen. Die Schreibeinladung für November beinhaltet die Worte „Seelenverkäufer, obskur, ergattern„.

Aurora und Helios

Simone schlenderte über den Flohmarkt und hoffte ein Schnäppchen zu ergattern. Ein Stand am Ende der Hauptgasse weckte ihr Interesse. Der Mann hinter dem Tisch wirkte wie ein Ruhefels in dem Flohmarktchaos. Vor ihm ausgebreitet lagen allerhand obskurer Dinge, die man so auf den Dachböden von Großeltern fand. Sie musterte die Gegenstände und fand ein kleines Flaschenschiff. Sie besaß bereits eines, dass ihr Großvater selbst gebaut hatte, als er ein junger Mann gewesen war. Die Helios. Mittlerweile war ihr Großvater gestorben und das Schiff stand etwas schief in der Flasche, aber sie hielt es in Ehren.

 „Die Aurora“, sagte der Mann.

„Haben Sie das selbst gemacht?“, fragte Simone.

„Nein. Das war mein Vater, bevor er mit dem Seelenverkäufer aufs Meer geschippert und nie wiedergekommen ist.“

„Oh das tut mir leid.“

Der Mann lächelte. „Das ist Teil der Seefahrerei.“

„Warum verkaufen sie das Schiff? Es ist doch sicher ein Erinnerungsstück.“

„Ich glaube, sie ist einsam. Früher sah sie majestätisch aus, jetzt wirkt sie beinahe wie das Wrack, das die echte Aurora ist.“

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gruselig | Der Dienstag dichtet


Der Dienstag ist für mich Gedichtetag. Wer sich anschließen will, ist herzlich willkommen. Einfach einen Kommentar schreiben. Die Liste der bisherigen Dienstagdichtenden findet ihr am Ende.

gruselig

krabbelt langsam meine wirbelsäule
hinauf. ein atem haucht kalte faulige
luft in meinen nacken. grabesstille
streichelt über meine gänsepickelige
haut. ein schrei in hallenden dunklen
räumen. ein kichern in der ecke. ich
ziehe mir die decke bis unter die nase
und schwelge in dem süßen gefühl
der kontrollierbaren angst.

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Update | Inktober 52

Bisschen größerer Fotodump, weil ich voll vergessen habe, mal wieder was zu posten. Das sind alles Zeichnungen aus meinem neuen Sketchbook und ich bin tatsächlich mit fast alle sehr zufrieden.

Statt dem klassischen Inktober nehme ich wieder am Inktober 52 teil. Ich zeichne also jede Woche ein Bild zu einem vorgegebenen Thema. Alle Bilder habe ich auf DIN A5 gezeichnet und abfotografiert (und Hintergrund entfernt).

Ruhemomente gegen voll-leere Köpfe | Gedankenkritzelei

Das ist kein wissenschaftlicher Text, sondern eine Gedankenkritzelei. Jeden Freitag schreibe ich über etwas, das mir auf dem Herzen liegt. Wenn ich etwas wissenschatftlicher werde, bemühe ich mich keine Falschinformationen auf den Weg zu bringen. Wenn das doch passiert, lasst einen Kommentar da. Ebenso, wenn ihr Lust zu diskutieren habt oder wenn ihr eine virtuelle Umarmung braucht. Die gibt es hier gratis.

Ruhemomente gegen voll-leere Köpfe

Kennt ihr das, wenn euer Kopf so voll ist, dass er dann irgendwie doch wieder leer ist? Bei mir explodieren gerade beruflich und privat einige Dinge, sowohl positiv als auch negativ, dass ich manchmal nicht so genau weiß, wo mir der Kopf gerade steht. Alles wirkt vollgestopft und doch ist da eine eigenartige Leere. Mir ist bewusst, dass das kein besonders gesunder Zustand ist und ich auf meiner Belastungsgrenze balanciere, aber gerade kann ich das nicht ändern. Was ich tun kann, ist mir Momente zu schaffen, in denen ich meinen vollen leeren Kopf etwas Ruhe gönne, um mich zu erholen und mich gleichzeitig nicht noch zusätzlich belasten, weil sie viel Zeit kosten.

Hier also eine Liste mit kurzen Ruhemomenten:

  • aufmerksam ein Lied hören, dass ich besonders mag
  • aufmerksam ein Lied hören, dass mir eine besondere Erinnerung bringt
  • etwas ohne Ablenkung essen, was ich gerne mag, aber nicht oft esse
  • ein paar Seiten lesen
  • mit meinem Kind kuscheln und ihn fragen, wie sein Tag war
  • auf den Kalender schauen und mich auf künftige Ereignisse vorfreuen
  • die Katze kraulen und meine Nase in das weiche Fell drücken
  • ein kurzes Gedicht als Momentaufnahme schreiben, ohne den Druck es jemals jemandem zu zeigen
  • eine kurze Yogasequenz oder eine Muskelübung zum Auspowern ohne konkretes Ziel
  • jemandem anschreiben, dem ich schon lange schreiben wollte
  • eine Tasse Kaffee oder Tee trinken und aus dem Fenster schauen
  • einen Kurzfilm von meiner Liste schauen
  • Fotos auf dem Handy durchschauen
  • abend oder morgens ein paar Atemzüge kühle Luft nehmen und dabei die Augen schließen

entfremdeter moment | Der Dienstag dichtet


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entfremdeter moment

durch fremde augen sehe ich die
blätter fallen. sehe, wie der wind
den regen an das fenster presst.
ein mund haucht nassen atem an
das kalte glas und junge finger
malen altbekanntes. am ende der
entfremdung folgt die dankbarkeit.
und doch endet der tellerrand
bereits beim nächsten problem.
wie auch, wenn die nasenspitze
das vernagelte fenster berührt.

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Leiser | Impulswerkstatt

Zettel und Federhalter. Über dem Federhalter steht Impulswerkstatt

Dies ist ein Text zu der Impulswerkstatt von Myriade. Ziel ist es etwas Kreatives zu vorgeschlagenen Bildern oder zu einer Schreibaufgabe zu erstellen. Hier könnt ihr alles darüber lesen: *KLICK*
Die aktuellen Bilder und Mosaikstücken zur aktuellen Impulswerkstatt findet ihr hier: *KLICK*

„Der reißende Strom wird gewalttätig genannt, aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig.“
Bertolt Brecht

Ich frage mich oft, ob ich mein Kind nicht zu oft ermahne, leise zu sein, ihn dadurch zu sehr begrenze bzw. ob wir das mit Kindern nicht allgemein tun. Klar müssen Kinder Rücksicht nehmen lernen, aber sollten wir nicht auch mehr Rücksicht auf Kinder nehmen? Bei den Gedankengängen ist mir dieser Text aufs Papier geflossen:

Leiser

„Sei bitte leiser“, sagten sie zu ihm, als er im Supermarkt den Jingle mitsingen wollte, der ihm so gut gefiel. Er wurde etwas leiser.

„Etwas Rücksicht bitte“, sagten sie, als er bei der Busfahrt alle Orte stolz verkündete, die er bereits kannte. Er nahm Rücksicht.

„Sei ruhiger“, sagten sie, als er vor Aufregung durch die Gänge des Kindergartens lief. Er freute sich so auf den Nachmittag bei Oma. Er wurde ruhiger.

„Nimm dich etwas zurück“, sagten sie, als er im Restaurant verkündete, wie gut ihm jeder einzelne Bissen schmeckt. Er nahm sich zurück.

 „Reiß dich zusammen“, sagten sie, als er in der Warteschlange vor seinem ersten Kinobesuch, die ganze Aufregung in Rumtänzeln umwandelte. Er riss sich zusammen.

„Still. Gleich sitzt du hinten“, sagten sie in der Schule, als er aufgeregt das neue Buch besprach, dass sie nun lesen sollten. Er war still.

„Tut mir leid, aber für den Job muss man etwas energischer und lauter sein“, sagten sie und brachten ihn endgültig zum Verstummen.

Wenn Monate Personen wären | Gedankenkritzelei

Das ist kein wissenschaftlicher Text, sondern eine Gedankenkritzelei. Jeden Freitag schreibe ich über etwas, das mir auf dem Herzen liegt. Wenn ich etwas wissenschatftlicher werde, bemühe ich mich keine Falschinformationen auf den Weg zu bringen. Wenn das doch passiert, lasst einen Kommentar da. Ebenso, wenn ihr Lust zu diskutieren habt oder wenn ihr eine virtuelle Umarmung braucht. Die gibt es hier gratis.

Wenn Monate Personen wären

In irgendeinem Social Media-Post meinte jemand, dass jeder Tag so seinen eigenen Charakter hat. Ich weiß nicht, ob die Person sich das so gedacht hat, aber meine Assoziation war der Montag als der grummelige verschlafene Teenager. Tage fand ich aber nicht so spannend, also habe ich das Mal auf die Monate angewendet. (Geschlechtszuweisung ist random)

Januar: der buchlesende Emo

Februar: der kaltfüßige Grübler

März: die auf die Uhr starrende Managerin

April: das kichernde Mädchen

Mai: der blumenliebende Junge

Juni: die energiegeladene Allrounderin

Juli: der schwitzende Sonnenanbeter

August: die eisessende Abendliebhaberin

September: der durch Blätterhaufen jagende immer nasse Outdoortyp

Oktober: der beinahe farbenfrohe Grufti

November: das graue Mäusschen

Dezember: die shoppingsüchtige Verkleidungskünstlerin

morgenkälte | Der Dienstag dichtet


Der Dienstag ist für mich Gedichtetag. Wer sich anschließen will, ist herzlich willkommen. Einfach einen Kommentar schreiben. Die Liste der bisherigen Dienstagdichtenden findet ihr am Ende.

morgenkälte

empfängt mich mit einem
kühlen kuss. nestelt ihr nase
an meine kopfhaut. kreist ihr
finger auf meinen waden, um
mit einer raschen bewegung
unter meine jacke zu streichen.
noch neckt sie. wenn ich zu
lange verweile, jagt sie die
letzten erinnerungen der
nachtwärme fort.

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