kunstleiden | Der Dienstag dichtet


Der Dienstag ist für mich Gedichtetag. Wer sich anschließen will, ist herzlich willkommen. Einfach einen Kommentar schreiben. Die Liste der bisherigen Dienstagdichtenden findet ihr am Ende.

Und welche Autor*innen hier kennen das? 😉

kunstleiden

eisig kalt. mein rücken schmerzt.
der magen knurrt, der darm seufzt.
meine hände sind am limit.
aber mein kopf sagt weiter.
finger tanzen über tasten, schaffen
welten, beleben ideen und malen
wortbilder.
immer
weiter.
bis mein kopf leergeschrieben ist
und michelangelo mir unter der
sixtinischen decke hängend zulacht.

Weil wahrscheinlich kaum einer den Michelangelo Hinweis am Ende versteht, hier der Anfang des Gedichtes, das Michelangelo über seine Arbeit an der Decke der Sixtinischen Kapelle schrieb:

„Ich habe schon einen Kropf von dieser Tortur bekommen,
hier zusammengekauert wie eine Katze in der Lombardei
(oder irgendwo sonst, wo das stehende Wasser giftig ist).
Mein Magen ist unter meinem Kinn gequetscht, mein Bart ist
zeigt auf den Himmel, mein Gehirn ist in einem Sarg zerquetscht,
meine Brust verdreht sich wie die einer Harpyie. Mein Pinsel,
die ganze Zeit über mir, tropft Farbe
so dass mein Gesicht einen feinen Boden für Exkremente bildet!…“



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gruselig | Der Dienstag dichtet


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gruselig

krabbelt langsam meine wirbelsäule
hinauf. ein atem haucht kalte faulige
luft in meinen nacken. grabesstille
streichelt über meine gänsepickelige
haut. ein schrei in hallenden dunklen
räumen. ein kichern in der ecke. ich
ziehe mir die decke bis unter die nase
und schwelge in dem süßen gefühl
der kontrollierbaren angst.

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entfremdeter moment | Der Dienstag dichtet


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entfremdeter moment

durch fremde augen sehe ich die
blätter fallen. sehe, wie der wind
den regen an das fenster presst.
ein mund haucht nassen atem an
das kalte glas und junge finger
malen altbekanntes. am ende der
entfremdung folgt die dankbarkeit.
und doch endet der tellerrand
bereits beim nächsten problem.
wie auch, wenn die nasenspitze
das vernagelte fenster berührt.

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morgenkälte | Der Dienstag dichtet


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morgenkälte

empfängt mich mit einem
kühlen kuss. nestelt ihr nase
an meine kopfhaut. kreist ihr
finger auf meinen waden, um
mit einer raschen bewegung
unter meine jacke zu streichen.
noch neckt sie. wenn ich zu
lange verweile, jagt sie die
letzten erinnerungen der
nachtwärme fort.

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stufen aus wörtern | Der Dienstag dichtet


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Ihr kennt so Bücher auch, oder?

stufen aus wörtern

stufen aus wörtern. ich hangele mich
an absatzgeländern entlang und mache
an seitenzahlen rast. jedes kapitel ein
wegweiser, jedes eselsohr wie eine
himmelsrichtung. ich fließe durch die
zeilen. manchmal zu schnell. dann
bremse ich meine augen, um erneut
einzutauchen. tiefer. mein puls im takt
des seitenraschelns. sanft streiche ich
über seinen rücken und verspreche
ewige liebe, auch wenn die ewigkeit
schon auf der letzten seite endet.

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Herbst-Haikus | Der Dienstag dichtet


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Herbst-Haikus

1.
grünbraunes rauschen
die dunkelheit formt farben
orangeroter wind

2.
sanft rascheln blätter
in händen schwarz auf weiß
unter füßen bunt

3.
im regen beugen
zwischen den blättern ruhen
durch den wind tanzen

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schreibscham | Der Dienstag dichtet


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Ich habe gelesen, das Geschichten und Gedicht, in denen man etwas mehr von sich preisgibt, als man möchte, die einem ein wenig unangenehm sind, meist die besten Werke sind, die man verfasst hat. Keine Ahnung ob das stimmt.

schreibscham

wie die dunkelheit atmet. meine augen
sind ungeschlossen geöffnet. ich schaue
in einer ferne. nur weniger millimeter hinter
meinen augenlidern beginnt eine welt,
voller drachen, feen, wünsche, sorgen,
freude, trauer, lust und scham. alles das,
was niemand weiß, nur meines ist. nur
manchmal blinzele ich. tagsüber lasse ich
ein paar drachen durch meine pupille sausen
und spinne sie in fantastische worte. wer
gefühle statt wort liest, erkennt die nackte
existenz meiner schambehafteten gedanken.

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blutspur | Der Dienstag dichtet


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blutspur

leise soll es tröpfeln. ein geheimer fluss,
gestoppt durch viele bahnen stoff und
watte. verborgen vom akzeptablen durch
eine allerletzte lage plastik. lautlos soll das
blut verschwinden, im mülleimer. verborgen,
gut verpackt, unausgesprochen. gefangen.
manchmal wünschte ich, ich hätte den
mut, mir zwischen die beine zu greifen
und meine gebärmutterschleimhaut der
welt ins gesicht zu schmieren. stellt euch
nicht so an. die brauchen wir, um neues
leben zu erschaffen.

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dazwischen | Der Dienstag dichtet


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dazwischen

mit einem klonk. die ersten kastanien
kullern über bürgersteige. ein paar
blätter wechseln ihr farbkleid und
der wind raschelt sommermüde äste.
dunkler ist es. ein wenig gemütlicher.
und doch rieche ich sonnencreme,
schmecke eis und spüre wärmende
sonnenstrahlen auf der haut. danach,
dazwischen, davor. ein abschied und
eine begrüßung.

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nicht die kleidung | Der Dienstag dichtet


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Zu dem Thema ein interessanter Artikel: Klick

nicht die kleidung

ein grauer hoodie mit verblasstem markennamen
und eine ausgebeulte blaue jeans, die an den
rändern ausgefranst ist. ein enges silbernes kleid,
das oberhalb der knie endet und bei der letzten
party ein paar pailletten verloren hat. ein brauner
langer faltenrock, in dem eine weiße bluse steckt
und darüber ein blauer pullunder mit muster. eine
enge jeans und einweihnachtspullover mit schlitten,
schneemann und rentieren, der den hintern verdeckt.
lüsterne augen, denen das egal ist und große hände,
die dominanz beweisen wollen.

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