Der Bully Fahrer | Etüdensommerpausenintermezzo

Dies ist ein Text zu den abc.etüden von Christiane. Diesmal mit dem Etüdensommerpausenintermezzo. Ziel ist es mindestens 7 aus 12 Wörtern (siehe Bild) in einem Text unterzubringen und es muss diesmal mit Liebe zu tun haben.

Der Bully-Fahrer

Es ist Juli 2016. Ich habe gerade meine Abschlussprüfung in meiner Weiterbildung bestanden und brauche eine Pause. Viele meiner Freunde fahren aufs Rock Harz-Festival und ich habe mir das Ticket kurzfristig gegönnt, obwohl ich wirklich pleite bin. Ich brauche die Belohnung nach neun Monaten durcharbeiten. Gefühlt habe ich das Wissen, das man sich in mehreren Jahren erarbeitet, in einigen Monaten durch Imbibition in mir aufgenommen.

Alles ist gepackt und vor der Tür. Wir sind zu viert: meine beiden Mitbewohner, eine Freundin und ich. Da passt nicht alles in ein Auto, also will ein Kumpel meiner Mitbewohner vorbeikommen und uns etwas Gepäck abnehmen, schließlich hat er einen Bully.

Wir warten. Eine Stunde. Wir sind genervt und sauer, auch wenn er uns einen Gefallen tut. Als er endlich kommt, denke ich „immerhin ein gutaussehendes Arschloch“. Er ist groß, hat lange Haare und Bart. Typ-Treffer. Wir können endlich losfahren und kommen ganz gut durch, allerdings verlieren wir uns auf dem Festivalgelände. Der Kumpel von uns, der mit im Bully sitzt, hat sein Handy vergessen, der Bully-Fahrer geht auch nicht ran. Es dauert über eine Stunde, bis sie uns finden und wir endlich unser Camp aufbauen können. Tatsächlich bin ich nicht sauer, weil ich zwischenzeitlich eine Job-Zusage bekommen habe – von dem Vorstellungsgespräch das zwei Tage vorher stattgefunden hat. Alle anderen sind massiv genervt, dank ein bisschen Bier und guter Musik dann aber auch schnell wieder versöhnlich.

Der Bully-Fahrer und sein bester Freund campen direkt neben uns. Ich lerne sie kennen und finde sie nett, vor allem den Bully-Fahrer. Er ist ein klassischer Metal-Fan, ein wenig nerdy. Er mag Star Trek, Irland und lacht über meine selbstgestaltete Sonnenbrille. Leider wird mir von dem Beifahrer erzählt, dass er vergeben ist. Nun ja, aber ich bin auch nicht auf der Suche nach einem Partner, sondern will den ganzen Stress vergessen und Feiern, wil ich einen neuen Job habe. Meinen ersten richtigen. Der Rest des Festivals bietet alles, was ein Festival so braucht: gute Musik zum Feiern, schreckliche Musik zum Wachwerden, viel Lachen, Bier, das Gefühl von Abenteuer, Fast Food, Dosenfraß, wenig Duschen, wenig auf Äußerlichkeiten achten, neue Freunde, Starkregen, Chaos, stinkende Dixieklos und der Zusammenhalt von Fremden, die eine gemeinsame Leidenschaft haben.

Es ist ein Abend im Januar 2017. Ich bin im neuen Job angekommen, auch wenn der Start anstrengend war. Eigentlich hatte ich mich nach dem Festival auf drei Wochen Nichtstun gefreut, diese aber mit Sommergrippe im Bett verbracht. Das hieß für mich, keine Auszeit und dann gleich wieder den Kopf mit neuem Wissen zuballern. Im Januar habe ich den ersten Urlaub und bin entspannt. Ich gehe wieder mehr weg, sehe den Bully-Fahrer auch manchmal. Ich finde ihn immer noch toll, aber ein Homewrecker bin ich nicht. Heute ist er in den kleinen Club nachgekommen, in dem ich mit meinen Freunden feiere. Wir reden an der Bar, sprechen über nichts Besonderes und kommen auf das Thema Männer und Frauen und warum meist Männer Frauen ansprechen beziehungsweise Frauen das erwarten. Ich widerspreche vehement, weil ich glaube, dass das ein Klischee ist, dass sich hält, weil sich niemand die Mühe macht, es zu hinterfragen. Ich sage, dass ich ihn schon längst angesprochen und auf einen Kaffee eingeladen hätte, wenn er nicht vergeben wäre. Es herrscht kurz überraschte Stille und er fragt, von wem ich diese Information habe. Ich sage es ihm. Dann ist er kurz weg. Als er wiederkommt, vereinbaren wir ein Kaffee-Date und der Kumpel, der mir erzählt hat, er sei vergeben, kommt sich den Arm reibend an uns vorbeigelaufen.

Es ist Juli 2017. Ich wache im Bully neben dem Bully-Fahrer auf und schmunzele. Wir sind diesmal gemeinsam auf dem Rock Harz. Es ist ein tolles Festival. Mein erstes Mal zusammen mit Partner. Eigentlich liebe ich die Freiheit auf Festivals, die Ungebundenheit, aber verliebt, ist es irgendwie dann doch wahnsinnig toll. Ich weiß noch nicht, dass der Motor des Bullys kaputtgehen wird und wir uns zusammen einen anderen Kleinbus kaufen, dass wir gemeinsam in Amsterdam, im Harz, auf anderen Festivals und irgendwann auch mit Kind zwischen uns campen werden. Liebe liegt in der Luft. Sie ist noch recht neu, aber intensiv und irgendwie weiß ich da schon, dass sie bleiben wird.

11 Kommentare zu „Der Bully Fahrer | Etüdensommerpausenintermezzo

  1. Ach Katha, wie toll! Das liest sich so leicht und flockig, dass ich wirklich gern glauben möchte, dass das deine eigene Geschichte ist, die du uns hier erzählst. Aber egal: sehr gelungen, sehr gern gelesen.
    Der Link zu mir ist übrigens kaputt. Ich trage dich gleich ein.
    Mittagskaffeegrüße 🌦️🎶💻☕

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  2. Ich mag die Selbstverständlichkeit der Entwicklung. Was für eine federleichte Schicksalsentscheidung nur durch ein bisschen Geplauder. Wie leicht hätte es geschehen können, dass eben nicht das Thema „Vergebensein“ angesprochen worden wäre. Das war schön zu lesen.

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