Gespräche mit Rüdiger | abc.etüden 06+07

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Dies ist ein Text zu den abc.etüden von Christiane. Ziel ist es 3 Worte in 300 Zeichen unterzubringen. Die Schreibeinladung für die Wochen 04+05 beinhaltet die Worte „Grippe“, „gebleicht“ und „knuddeln“, gesponsert von Make a Choice Alice.

Mir hat es Spaß gemacht in Feliversum die Dialoge mit der Katze zu schreiben, daher habe ich mir eine neue Serie überlegt. Sie heißt Gespräche mit Rüdiger.

Gespräche mit Rüdiger

Müde stolperte ich aus meinem Schlafzimmer in die Küche. Das Wort „Kaffee“ formte sich in meinem Kopf, noch bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte. Der Boden war kalt und half mir auf dem Weg zumindest wach genug zu werden, um die Kaffeemaschine fehlerfrei zu bedienen.

„Guten Morgen.“

Vor Schreck fiel mir die zum Glück noch leere Kaffeetasse zu Boden. Der Henkel brach ab. Nun gut, ich wollte sowieso reduzieren. Kein Mensch braucht fünfzig Kaffeetassen, vor allem nicht welche mit ausgebleichten Aufdruck.

„Guten Morgen Rüdiger. Warum so früh?“

Ich ging zum Kühlschrank und holte normale Milch für mich und Katzenmilch für Rüdiger. Er nahm ein paar Schlucke, dann antwortete er.

„Die Grippe geht bei uns um und zum Tierarzt will ich nicht. Der knuddelt zu viel und das mit dem Fieberthermometer ist eine Frechheit.“

„Es gibt Grippe bei Katzen?“

„Klar, wir reagieren aber nicht so über. Viren gehen immer mal rum. Mal sterben mehr, mal weniger.“

„Das ist schon etwas herzlos.“

„Das ist die Natur. Ihr Menschen glaubt nur, dass man sie beherrschen kann.“

„Bist du nicht traurig, wenn einer deiner Freunde stirbt.“

„Natürlich, aber dafür haben wir anderen genug Nahrung. Hat alles seine zwei Seiten. Würde eurem Überbevölkerungsproblem auch gut tun.“

„Sowas sagt man nicht.“

„Ihr sagt das doch auch bei Waschbären und anderen sogenannten ‚Schädlingen‘.“

„Ja, aber das sind keine Menschen.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass du ein Speziezist bist. So kann man sich täuschen.“ Rüdiger gähnte. „Ist das Bett noch warm?“

„Bestimmt.“

Rüdiger sprang von der Küchenzeile und lief in mein Schlafzimmer. Speziezist? Wenn Rüdiger sterben würde, wäre ich furchtbar traurig. Wahrscheinlich genau so traurig, wie wenn einer meine Freunde sterben würde. Dennoch sagte etwas in mir, dass ein Menschenleben wichtiger war als ein Tierleben. Eigenartig. Vielleicht war ich wirklich ein Speziezist.

12 Kommentare zu „Gespräche mit Rüdiger | abc.etüden 06+07

  1. Hallo, Frau Dr. Dolittle: das ist ja ein gelungener Einstieg. Und auch Rüdiger ist ja gar nicht schüchtern und sagt uns seine Ansichten, die sich scheinbar nicht ganz mit unseren decken. Und dann die Gretchen-, äh, Schädlingsfrage. Zurück bleibt ein schlechtes Gewissen bei uns und ein warmes Bett für ihn. Und Leser, die sich nachdenklich den Kopf reiben und gespannt sind auf das, was Rüdiger uns wohl noch zu sagen hat.

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  2. Rüdiger ist ein Kater, der nicht knuddelt/geknuddelt werden will, offensichtlich. In solche Niederungen begibt er sich erst gar nicht, schon klar, nur der Intellekt zählt – und seine Bequemlichkeit. Rüdiger erinnert mich an politisch engagierte linke Studenten, die ich einst kannte. Ach ja …
    Schöner Auftakt, bin gespannt, wie es weitergeht.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🐱🍲🍷👍

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  3. Das ist wirklich eine verdammt schwere Frage….Natürlich sind mir Familienmitglieder wichtiger als, ach, kann man das so sagen….ich weiss nicht. Ich hoffe nie in die Entscheidungssituation zu kommen.

    Ich bin auf die nächsten Dialoge gespannt.

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    1. Ich habe mehrere Philosophiekurse zu dem und ähnlichen Themen besucht. Glaube nicht, dass wir je zu einem Ergebnis gekommen sind. 😉
      Mal schaun, vielleicht kann ich mien Philosophiestudium dank Rüdiger doch noch praktisch einsetzen.

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    1. Habe ich in das erste Mal in einem Aufsatz gelesen. Leider weiß ich nicht mehr welchem. Philosophen erfinden gerne neue Wörter. 😉
      Menschen haben ja auch diese seltsame Einteilung in der Tierwelt „befellt und süß“ und „essbar“. Je genauer man drüber nachdenkt, desto seltsamer wird unsere Wertsetzung.

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