Dienstagsgedichte

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Ich veröffentliche jeden Dienstag ein Gedicht. Hier eine kleine Auswahl.
Die restlichen Gedichte könnt ihr über die Kategorienliste (rechts neben dem Blog/Kategorie: Der Dienstag dichtet) oder den Hastag #DerDiesntagdichtet lesen.

ein paar fetzen realität

ein paar fetzen realität. brachtest du
mir in mein traumgefängnis. von wo
tropft es. die milchigen fenster haben
durchsichtige wahrheit angesetzt. seh
ich in die ferne, führt phlegethon kalte
flammen. ich rolle mich in den teppich
ein. warum ist es hier wärmer, als dort
drüber? ich packe kisten voll mit sand.
fischen. und dem goldglänzenden ring
von meiner oma. so einfach. vielleicht
sind mir die ebenen ein trost. vielleicht
meer, berge. nein. fremde leben. mein
spiegel zeigt etwas anderes. ein paar
fetzen realität brachtest du mir in mein
traumgefängnis. sie sind schon fast
verbraucht.

 

***

 

wie es war

an einem mittwochmorgen im
langen januargrau verfärbt sich
das froschgrün gelbgraublau und
hüpft davon. quakend. bleibt mein
malkasten  farbenfroh. nur anders.
verkehrtherum. ich dreh mich im
kreis. links. senkrecht. quer. kreuz
waagerecht. rechts. ich strauchle.

das flamingopink wirkt als würde
das schwarz bluten. zinnoberrot.
meine zeit dreht sich, meine welt
steht kopf. läuft. an mir vorbei. das
orange aufmerksam ins blaue. es
spannt die segel. holt den anker
ein. mit einem taschentuch stehe
ich neben einem unentschlossenen
gelb und winke. geh doch. geh. ich
betrachte das ruhige farbenmeer.
warum kann nicht alles bleiben
wie es war?

 

***

 

大嵐 / Taifun

おおあらしあめがこみい るなみのおと
[ō arashi・ame ga komi iru・nami no oto]

wirbelsturm
es regnet herein
der klang von wellen

 

***

 

alltagsleeren

orange. sagt das raumschiff und fliegt
davon. in ein weltall voller ungenutzter
möglichkeiten. die sterne weinen durch
ihr milchigen augen. ein quasar blinzelt
in das sonnenblau eines weißen riesen.
sein mund ist riesig, aller verschlingend,
alles vernichtend. ein happen und alles
ist das millionste eines milliarstels. wie
unheimlich. faszinierend unvorstellbar.
die nacht ist farblos. los. sage ich und
schnappe mir meinen satelliten. graue
schärfe polstert den steinigen flug in
die ungewissheit dieser alltagsleeren.

 

***

 

letzte nacht

damit nichts, was ungesagt bleiben muss,
seine präsenz verrät. meine nacht ist wie
die dunkelste höhle. tropfen formen krater
in die oberfläche. meine füße tanzen auf
ihren rändern swing und blues, schweiß
und blut. meine gedanken wippen im takt.
ein mondlächeln wird zu einer grimasse.
splash. impact. drop. ich atme die tränen
meiner alienpoesie und doch sind meine
worte unehrlich. nur das langsame ticken
der unzeit verrät gedachtes. während die
daunen der  bettdecke vor wut beben. und
die  schaumstoffperlen im kissen in unruhe
hin und her rollen. mein herz wird langsam.
im licht wird seine kruste weich. vergessen
lässt dunkles wachen weichen. manchmal
ist die nacht ehrlicher als der tag.

 

***

 

ich brauche zeit
aus-
ich-
allein-

ich will ruhe
nacht-
aus- -n
es (e) –ig

ich bin durch
zwischen-
-geknallt, aber
-aus zufrieden

 

***

 

ratte

ich habe mir meine tränen durch die
nase hochgezogen. mit den sauren
gummibärchen verschluckt. es tropft.
dennoch. trotzdem. und. eine ratte
verschwindet in der wand. ich höre
trippeln im flur. es nagt an mir. in mir.
ich spüre die haarige präsenz, fühle
barthaarascheln. mein tag verläuft
normal. immer weiter. mein herz ist
feucht und die ratte läuft über den
küchentisch. aus den augen. ohne
geruch spüre ich bald ihren kadaver

 

***

 

Zwölfchen

Papierworte
tanzen Wahrheiten
unüberdacht unverdacht ungeachtet
ich fühlschreibe und schreibfühle
Gedankenehrlichkeiten

Maschinenworte
tanzen Perfektion
gedacht bedacht achtend
ich denkschreibe und schreibdenke
Bedeutungswahrheiten

 

***

Tick

Es ist fünf vor Mitternacht. Ich liege
im stählernen Bett. Ohnmacht macht
sich breit. Ohne Macht. Macht Komma
ohne. Nur in Uhren können Sekunden
an Minuten hängen bleiben. Alle anderen
rechnen in Jahrzehnten. Tick tick. Nie
tock und doch greife ich nicht zu dem
Zeiger und werfe ihn in deine Augen.

Ich bin wie du.

Unsere Rädchen knirschen leise. Die
Federn springen aus dem Stahlrahmen.
Das Bett hält. Hier. Dort. Wo sie Betten
aus Glas bauen, hört man es klirren. Ich
und du. Es gibt so viel zu sagen, soviel
Stahl zu schmelzen. Ich stehe auf und
repariere die Uhr. Vielleicht wollen die
Anderen die wahre Zeit verstehen.

Tock.

 

***

 

Wieder hier

Wir haben keine Punchline nur einen
wabernden Nebel, der grau in
grau unsere Kanten definiert. Mein
Fleisch hat vor Jahren den
Wald verlassen. Nur. Mein Atem heult
wenn er nadelige Profile sieht. Oder
getupftes Weiß auf braunem Untergrund.
Heute bin ich zurückgekehrt.
Ich habe rote Tünche mitgenommen, um
alles nachzumalen. Eckige Bäume, runde
Steine, gewundene Pfade. Ich will in
die Höhlen rufen und wispere doch
nur zaghaft in die Winde: Ich bin

wieder hier.

 

***

 

Kein und Aber

Als kein und aber aus
dem Paradies vertrieben
wurden, schrie niemand
Die Schlange war‘s!
dabei lauerte bereits
eine evaeske Figur verführerisch
gekleidet am Ausgang der
Pforte und winkte mit
reißerischen Ausnahmen

 

***

 

Seelentröster

Ich renne mit dem
Herz durch die
Wand während ich meinen
Kopf bei dir ausschütte

Wir liegen zusammen
auf einem Tisch und neben
uns der krumme Kerzenhalter, das
Tischservice mit den Kanten und
Ecken, ein paar Krümel hängen auf
halb acht, die verwobene Tischdecke, ein
Löffel, psychologisch verbogen, die
Karaffe mit dem langen Hals, zwei
Set Gläser, alle unterschiedlich, passend
zu dem keramischen Pappteller deiner
Oma, die heute meine ist,

ein verbrannter Topflappen
und die Reste einer
mittsommernachtlichen
Speise

Wenn das Fieber vorbei
ist, wurden nur fremde Gedanken
gesprochen und nicht die
feigen