„800 Meter“ | Horror Stories

Horrorstories

Ich hatte mir vorgenommen, mehr im Bereich Horror zu schreiben, nachdem ich eine kleine Horrorgeschichte für den Writing Friday geschrieben habe. Das hier ist die zweite Geschichte, die ich verfasst habe. Ich bin nicht ganz zufrieden, weil sie sehr klassisch gerworden ist, aber bevor sie noch länger auf meiner Festplatte versauert, poste ich sie.

Ach ja, es ist nicht unbedingt schlau, eine Horrorgeschichte über den eigenen Arbeitsweg zu schreiben. Nach der ersten Version musste ich jeden Morgen TKKG hören, um mich abzulenken.

800 Meter

Ich laufe jeden Morgen zur Arbeit. Bei Sonne, Wind, Regen, Schnee. Wenn morgens noch Dunkelheit herrscht oder die Sonne schon aufgegangen ist. Das Laufen hilft mir meine Arbeit an der Arbeit zu lassen und mein Zuhause eben Zuhause. Ich laufe mich frei, auf 2,5 Kilometern.

Es ist gerade Winter und der kürzeste Tag im Jahr nähert sich immer schneller. Wenn ich um 6 Uhr das Haus verlassen, ist es dunkel, wenn ich später als gewöhnlich heimgehe auch. Bisher hat mir das wenig ausgemacht. Ich laufe ausschließlich an Straßen entlang, die stark bis mittel befahren sind. Erst links bei mir raus über eine kleine Promenade, dann eine stark befahrene Straße mit mehreren Ampeln hoch und dann gerade aus in die weiterführende Straße, die von vielen Autos befahren wird, die den gleichen Arbeitsweg haben wie ich. Nur der kleine Tunnel, kurz vor dem Parkplatz meiner Firma ist etwas unheimlich. Etwas Erschreckendes ist mir dort aber noch nie passiert.
Dafür aber in der Straße vor dem Tunnel, die ich für gut 800 Meter entlanglaufe. Sie führt serpentinenartig den Berg hinab und über eine kleine Brücke. Es gibt keine Alternative, die nicht einen massiven Umweg darstellen würde. Selbst der Bus fährt hier lang.

Bisher gab es nie Probleme, doch seit drei Wochen werde ich morgens begleitet oder besser gesagt verfolgt, nur dass ich nicht verstehe wer oder was mein Verfolger ist.

Als es begann, fühlte ich nur eine Präsenz. Jemand schien mich zu beobachten, mir zu folgen. Erst dachte ich, jemand anderes würde den gleichen Weg nehmen wie ich, doch ich sah niemanden. Dann dachte ich, es sei nur Paranoia. Ich sehe gerne Horrorfilme ohne sie wirklich zu vertragen. Vielleicht hatte ich es diesen Oktober in der Halloweenzeit einfach übertrieben und mein Gehirn zahlte es mir gerade heim. Das ging die erste Woche so. Doch nur auf diesem Abschnitt meines Weges, nur diese 800 Meter. Davor und danach war alles in Ordnung.

Vorletzte Woche Dienstag dachte ich schließlich einen Schatten neben mir zu sehen. Als wäre die Luft neben mir etwas dunkler und nebelartiger als der Rest der Luft. Ich wich aus, sah beim direkten Hinsehen aber nichts. Mein Herz schlug wie wild, doch es gab nichts wovor ich Angst haben müsste. Langsam begann ich an meinem Verstand zu zweifeln. Das Ganze wiederholte sich jeden Morgen, immer an unterschiedlichen Stellen der Straße. Ich hatte das Gefühl, dass der Schatten mehr Substanz bekam, konnte das aber an nichts so wirklich fest machen.

Den Dienstag die Woche darauf regnete es. Mein Regenschirm ist sehr stabil, doch ein plötzlicher Windstoß auf der Brücke erfasste ihn und ich verlor kurz die Kontrolle. Schnell klappte ich ihn zu und ging einige Meter weiter, um schnell von der Brücke zu gelangen. Im Windschutz angekommen, merkte ich eine Stelle neben mir, die trocken blieb. Auf etwa einem Drittel Quadratmeter fiel kein Regen. Ich strecke meinen Fuß hinein und ein kalter Schauer erfasste mich.

Schnell spannte ich den Schirm auf und ging weiter. Ich fühlte mich wieder verfolgt und hatte permanent das Gefühl einen Schatten neben mir zu haben. Wenn ich hinsah, war er aber weiterhin verschwunden. Ich dachte nun vollkommen durchzudrehen. Sollte ich es jemandem erzählen? Wer würde so einen Unfug glauben, wenn auch ich es niemandem glauben würde?

Mittwoch bis Freitag blieb der Schatten neben mir und ich traute mich nicht ihn anzusehen. Auch Donnerstagabend, als ich später als gewohnt Feierabend machte und es bereits dunkel war, begleitete er mich. Das Wochenende brauchte ich zur Erholung. Ich schlief kaum, nur wenn der Fernseher lief. Alleine wollte ich keine Sekunde sein, ohne irgendetwas Menschliches im Raum zu haben und sei es nur die Stimme eines Nachrichtensprechers.

Montag nahm ich dann den Bus. Als wir durch die Straße fuhren, spannte sich alles in mir an. Zunächst passierte nichts, doch als ich die Spiegelung im Fenster des Busses sah, erschrak ich. Jemand saß neben mir. Nicht wenn ich direkt hinsah, nur im Spiegelbild. Ich erkannte nicht wer es war, aber es sah männlich aus. Kurze dunkle Haare, nicht sonderlich groß oder breit gebaut. Ich meinte ein Hemd zu erkennen, dann wieder nicht. Das Gesicht hielt er abgewandt und rührte sich keinen Zentimeter. Ich war steif vor Angst und starrte in die Scheibe. Kurz bevor wir in die nächste Straße einbogen, drehte er seinen Kopf in meine Richtung. Ich erkannte keine Gesichtszüge und hatte das Gefühl, dass er immer verschwommener wurde. Dann verschwand er, so plötzlich wie er aufgetaucht war. Ich war starr vor Angst und verpasste beinahe meine Haltestelle.

Ich ließ mich für zwei Tage krankschreiben und suchte im Internet nach Hilfe. Schnell fand ich diverse Experten, die mir keinen Deut weiterhalfen. Irgendwann riet mir jemand nach Unfällen in der Straße zu suchen. Da Zeitungen nicht über alles berichten, fragte ich einen Freund, der bei der Polizei arbeitete. Er war etwas irritiert über meine Frage und meine Weigerung zu sagen, warum ich die Information brauchte, doch er gab sie mir. Es gab mehrere Unfälle im Laufe des Jahres, allerdings nichts Großes. Als ich ihn bat weiter zu recherchieren, fand er heraus, dass sich vor drei Wochen ein Mann von der Brücke gestürzt hatte. „Depressionen“ hieß es im Report und „keine Verwandten“. Sein Name war Piotr Maurer gewesen.

Ich googelte, fand den Mann aber nicht. Selbst auf Facebook fand ich nur ein Profil ohne Bild.

Ich wusste nicht, was ich noch tun sollte, also googelte ich, was gegen Geister half. Seriöse Seiten gab es nicht wirklich, aber Erfahrungsberichte noch und nöcher. Ich suchte nach den kleinsten Gemeinsamkeiten. Die meisten schrieben, dass Salz half und Kruzifixe. Außerdem schien es immer schief zu laufen, wenn man den Geist ansprach. Ich nahm mir vor dies nicht zu tun.

Am nächsten Tag, dem Donnerstag, nahm ich ein Kruzifix und eine Packung Salz mit. Als ich seine Präsenz neben mir spürte, verstreute ich etwas Salz, doch es passierte nichts. Ich presste das Kruzifix an mein Herz, doch der Schatten wurde immer intensiver. Er blieb nun auch, wenn ich hinsah. Nach 400 Metern wurde es mir zu viel und ich schrie den Mann an.

„Ich weiß, dass du Piotr Maurer heißt und dich umgebracht hast! Das ist aber nicht mein Problem. Lass mich in Ruhe!“

Ich spürte den Stoß, als ich vom Bürgersteig geschubst wurde. An den Aufprall mit dem Auto erinnere ich mich zum Glück nicht mehr. Erst im Krankenhaus bin ich aufgewacht.

Heute ist Samstag. Ich habe einen gebrochenen Oberschenkel, eine Gehirnerschütterung und allerhand Blessuren. Wenn es draußen dunkel wird, sehe ich neben meinem Bett jemanden sitzen. Nicht wenn ich direkt hinsehe, nur in der Scheibe. Er sieht aus dem Fenster. Sein Gesicht ist etwas verschwommen, aber ich erkenne immer deutlicher Gesichtszüge. Er sieht wütend aus.

Ich brauche Hilfe. Kann mir jemand helfen? Bitte.

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